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28. Juni 2017

'Liebesduft liegt in der Luft: Rosen und Vanille' von Olga Usherova

Sie ist so verliebt wie noch nie zuvor - und sie lässt sich in eine Welt voller Magie führen, die nach Vanille duftet. Er liebt sie über alles – und er schenkt ihr sein Herz – und tausend rote Rosen.

Lora lernt in dem Taekwondo-Verein einen Jungen namens Brendon kennen, in den sie sich sofort verliebt. Sie geht auf ihn zu und sie fragt ihn nach einem Date. So kommt es zu einem wundervollen Date in einem chinesischen Restaurant.

Lora hat ein Geheimnis: Sie kann Feuer speien, weil ihr Vater einen Drachen getötet hat. So hat er diese Gabe bekommen und Lora hat diese Gabe geerbt. Sie vertraut Brendon ihr Geheimnis an - und er zeigt ihr den wundervollen Elfenwald, in dem sie schon einmal in ihrer Kindheit gewesen ist. Sie entdecken wunderschöne Blumen, in denen kleine Elfen leben.

Bald stellt sich heraus, dass Brendon der Sohn von Loras Deutschlehrer ist. Und dann wird alles so richtig kompliziert...

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Leseprobe:
Drei maskierte Männer liefen mir über den Weg. Es geschah am frühen Morgen, als ich auf dem Weg zur Schule war. Normalerweise waren um diese Uhrzeit schon sehr viele Leute unterwegs, aber an diesem Tag waren alle Straßen wie leergefegt. Niemand konnte mich hören, als ich ganz laut schrie. Ich wollte an den Männern vorbeigehen, aber ein maskierter Mann hielt mich fest. Ich wusste sofort, dass das nichts Gutes zu bedeuten hatte. Es gelang mir nicht, mich loszureißen. Die Männer lachten mich aus.
„Was kannst du uns anbieten? Handy? Geld? Schmuck? Andere Wertsachen?“, fragte mich der Mann, der mich festhielt. Dachten diese Männer etwa wirklich, dass ich ihnen meine Wertsachen geben würde? Nur über meine Leiche!
Ich schüttelte den Kopf: „Lasst mich in Ruhe!“ „Willst du etwa sterben?“, wollte ein anderer Mann wissen. Er holte ein scharfes Messer aus seiner Tasche heraus – und er hielt es mir vor das Gesicht. Ich ließ mich nicht einschüchtern.
„Ihr könnt mich nicht umbringen! Ich kann Feuer speien! Ich kann euch verbrennen!“, stellte ich klar. Die Männer lachten mich schon wieder aus. Glaubten sie mir etwa nicht? Ich hatte eine ganz besondere Gabe. Mein Vater hatte vor dreißig Jahren einen Drachen besiegt. Dadurch hat mein Vater die Fähigkeit dazu bekommen, Feuer zu speien. Diese Fähigkeit habe ich von ihm geerbt. In diesem Augenblick war ich sehr dankbar dafür, dass ich Feuer speien konnte.
Ein Mann berührte mit der Messerspitze meinen Hals. Er flüsterte, dass er mir den Hals aufschlitzen würde, wenn ich ihm meine Wertsachen nicht freiwillig geben würde. Ich sollte lieber mitspielen, sonst müsste ich mit dem Leben bezahlen. Ich schüttelte den Kopf.
Sie haben sich das falsche Opfer dafür ausgesucht – ich würde mich nicht berauben lassen! Es ging mir gar nicht um die materiellen Dinge, sondern um meinen Stolz. Wenn ich die Sachen einfach hergeben würde, dann würde es sehr erniedrigend für mich sein. Ich hatte schließlich eine Gabe!
„Du kannst Feuer speien?! Das wollen wir sehen! Nicht wahr, Freunde?“, konnte ich wahrnehmen. Die anderen Männer nickten. Okay – sie wollten es wohl nicht anders! Diese Idioten!
Sie spielten mit dem Feuer – mit dem Leben – und sie wussten es nicht einmal. Ich öffnete meinen Mund und ich wollte Feuer speien, aber es funktionierte nicht. Das lag wohl daran, dass ich mich nicht richtig konzentrieren konnte. Ich stand unter Schock. Die Männer lachten.
Vielleicht spielte ich mit dem Leben. Sollte ich einfach aufgeben? Wenn es mir nicht gelingen würde, Feuer zu speien, dann würde ich gar keine Chance gegen diese Männer haben. Verdammt!
Ich hatte immer gedacht, dass mir so etwas nie passieren könnte, weil ich mich immer verteidigen könnte. Es funktionierte jedoch nicht. Ich könnte ausrasten, aber was würde mir das bringen? Die Männer dachten nun bestimmt, dass ich verrückt sein würde. Es war mir egal, was sie dachten. Die Messerspitze berührte immer noch meinen Hals. Ich konnte mich nicht wehren.
Ich versuchte es noch einmal, aber ich konnte einfach kein Feuer speien. Nicht in dieser Situation. Ich müsste mich beruhigen. Vielleicht würde es dann funktionieren.
Das Problem war jedoch, dass ich mich nicht beruhigen konnte. Ich hatte Todesangst. Die Männer sahen so … gefährlich aus. Wieso holten sie sich die Sachen nicht selbst? Es würde wohl eine Genugtuung für sie sein, wenn ich ihnen meine Wertsachen „freiwillig“ geben würde.
„Okay, … okay. Ich werde euch mein Handy geben. Und mein Geld. Mehr habe ich nicht. Werdet ihr mich in Ruhe lassen, wenn ich euch die Sachen geben werde?“, wollte ich wissen.
„Ja, wir werden gehen. Wir wären schon längst gegangen, wenn du uns die Sachen sofort gegeben hättest. Wenn du sterben würdest, würdest du diese Sachen schließlich sowieso nicht mehr brauchen.“, meinte ein Mann.
Ich öffnete meine Schultasche. Dann holte ich mein Handy und meine Geldbörse heraus. Ich gab dem Mann, der mich festhielt, mein Handy und fünfzig Euro. Mehr Geld hatte ich nicht dabei.
„Ist das etwa wirklich alles?“, fragte mich der Mann. Was hatte er denn erwartet? Tausend Euro? Wieso sollte ich so viel Geld mitbringen?
„Ja, das war wirklich alles.“, stellte ich klar.
„Und was ist mit deiner Kette? Sie ist mit Sicherheit auch etwas wert.“, meinte ein Mann. „Nein, nicht meine Kette. Sie, … sie ist gar nichts wert. Sie bedeutet mir jedoch sehr viel.“, sagte ich. Es ist mir leichter gefallen, mein Handy herzugeben als meine Kette. Das könnten die meisten Menschen mit Sicherheit nicht verstehen. Meine Kette war besonders. Mein Vater hat den Drachen-Anhänger im Elfenwald gefunden.
Im Elfenwald hat es früher sehr viele Drachen gegeben, aber mittlerweile waren alle Drachen besiegt. Der Anhänger sollte mir immer Stärke und Mut verleihen. Hatte er nicht sowieso schon versagt? Ich musste die Kette hergeben – ich hatte gar keine andere Wahl. Widerwillig zog ich die Kette aus – dann drückte ich sie einem Mann in die Hand. Dann waren die Männer zufrieden – und sie ließen mich gehen. Ich ... ging zur Schule.

Kapitel 1
War es nicht lächerlich, dass ein Mädchen, das Feuer speien konnte, Selbstverteidigung lernen musste? Niemand zwang mich dazu, aber es fühlte sich dennoch falsch an. Was würde es mir bringen, mich verteidigen zu können, wenn ich wieder unter Schock stehen würde? Könnte ich die Techniken der Kampfkunst dann etwa anwenden? Vielleicht würde ich mich dann etwas sicherer fühlen. Wenn ich keine Angst haben würde, dann könnte ich bestimmt Feuer speien.
Vielleicht würde sich niemand dazu trauen, sich mit mir anzulegen, wenn ich einen schwarzen Gürtel tragen würde. Dachte ich etwa wirklich, dass ich irgendwann so weit kommen würde?
Ich habe mich vor zwei Jahren im Taekwondo- Verein angemeldet. Damals ist mir klargeworden, dass ich mehr können müsste, um mich immer wehren zu können. Es reichte wohl nicht aus, Feuer speien zu können.
Im Verein durfte ich gar kein Feuer speien – nein, ich musste meinen Gegner mit bloßen Händen und Füßen schlagen. Mittlerweile war ich gar nicht mehr so schlecht darin – und ich wurde immer besser. Wenn es wirklich darauf ankommen würde, würde ich jedoch so viel Angst haben, dass ich nichts mehr können würde. Wieso ging ich überhaupt in den Verein? War es nicht sinnlos? Vielleicht ging ich nur hin, weil es mir Spaß machte. Ich fühlte mich stärker.
Vor zwei Wochen hat sich ein Junge in diesem Verein angemeldet. Er war wirklich sehr gut – für einen Neuling. Manchmal konnte ich mich gar nicht richtig konzentrieren, weil ich ihn ständig anschauen musste. Es ist viel einfacher geworden, mich zu schlagen, seitdem der Junge aufgetaucht ist. Fiel ihm auf, dass ich ihn immer wieder anstarrte? Er hatte haselnussbraune Augen und glänzende, schwarze Haare, die er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte.
Manchmal trafen sich unsere Blicke, aber er schaute dann sofort wieder weg. Hatte er kein Interesse an mir? Vielleicht müsste ich ihm zeigen, was ich wirklich drauf hatte, um ihn zu beeindrucken. Ich durfte mich nicht ständig ablenken lassen. Vielleicht dachte der Junge, dass ich die Kampfkunst gar nicht beherrschen würde. Dafür, dass ich schon zwei Jahre lang in diesen Verein ging, würde das wirklich sehr schlecht sein. Als ich gegen ein Mädchen in meinem Verein antreten musste, konzentrierte ich mich auf den Kampf. Ich wollte das Mädchen besiegen – um jeden Preis. Es fühlte sich so an, als würden wir zusammen um den Jungen kämpfen. Ich wusste nicht einmal, wie er hieß, aber ich mochte ihn. Wieso mussten die Jungs immer um die Mädchen kämpfen? Ich drehte den Spieß einfach um – und ich kämpfte mit meiner Gegnerin, um den Jungen zu beeindrucken. Wenn ich das Mädchen besiegen würde, dann müsste mich der Junge ins Kino einladen. Natürlich wusste er nichts davon. Ich habe noch nie mit ihm geredet. Vielleicht würde ich ihn gar nicht mehr mögen, wenn wir miteinander sprechen würden. Möglicherweise würde sich herausstellen, dass wir keine Gemeinsamkeiten haben würden. Dann würde ich kein Interesse mehr an dem Jungen haben. Wir gingen zwar zusammen in den Verein, aber ich würde gerne einen Freund haben, der noch viel mehr Gemeinsamkeiten mit mir haben würde. Wieso machte ich mir Gedanken darüber? Der Junge hatte möglicherweise gar kein Interesse an mir. Vielleicht war er sogar davon genervt, dass ich ihn so oft anschaute.
Diesmal schaute ich ihn bewusst nicht an, weil ich mich konzentrieren musste. Es gelang mir tatsächlich, das Mädchen zu schlagen. Hat der Junge überhaupt zugeschaut? Ich hoffte es.
Ich schaute den Jungen an. Diesmal wich er meinem Blick nicht aus. Er schenkte mir ein Lächeln.

Im Kindle-Shop: Liebesduft liegt in der Luft: Rosen und Vanille

Mehr über und von Olga Usherova auf ihrer Website.



27. Juni 2017

'Loulous Life: Ein Jack-Russell-Welpe ertapp(s)t die Welt' von Chris Berdrow

Loulou ist eine kleine Jack-Russell-Hündin. Noch schneller, als die junge Dame in ihrem schwarz-weiß-braunen Fell laufen kann, wickelt sie Menschen und Artgenossen mit ihrer positiven und gewitzten Art um die Pfote. Ihre dunklen Kulleraugen können sprechen (behauptet Frauchen).

Geboren ist Loulou am 7. Mai 2013 in einem Pferdestall in Bad Homburg vor der Höhe im Taunus. Die ersten Wochen ihres Lebens sind zugleich die schlimmsten. Als das einzige Mädchen ihres Wurfs wird die Kleine von ihren Brüdern böse verbissen, ehe eine junge Frau sich ihrer annimmt und den Welpen in ein schönes Zuhause vermittelt. Russell-Kind Loulou führt seitdem ein glückliches und aufregendes Hundeleben. Witzige Begebenheiten und Anekdoten halten die frisch gebackenen Hundebesitzer in einem Internet-Blog fest, der im Netz so viel Aufsehen erregt, dass Frauchen und Herrchen dieses Buch daraus haben entstehen lassen.

Loulou berichtet in der Ich-Form aus ihrem Leben. Sie nimmt Kurioses wie die Leckerli-Sortimente in Tiernahrungsgeschäften aufs Korn, erklärt warum in Dunstabzugshauben Aliens wohnen und stellt berechtigte Fragen: Ob sie zum Beispiel die im Stadtwald gefundenen Stöckchen behalten oder ins Freibad darf, weil sie doch schließlich Hundesteuer bezahlt hat? Ob Loulou all das, was Herrchen und Frauchen aufgeschrieben haben, auch tatsächlich denkt und empfindet, wissen wir natürlich nicht. Und in diesem Sinne ist dieses Büchlein auch zu lesen und zu verstehen: Als kecke, manchmal alberne, aber immer lebenslustige Sammlung von Anmerkungen und Gedanken, die einem übermütigen Hundekind durchs Köpfchen gegangen sein könnten.

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Leseprobe:
Mäusejagd im Feld - Die Formel-1 für Welpen
Nach erfolgreicher Generalprobe mit Stofftieren ist es heute an der Zeit, das nächste Kapitel in meiner Entwicklung als Jagdhund aufzuschlagen. Wir ziehen einen gedanklichen Schlussstrich unter das Kapitel „Welpe Loulou“ und schalten einen Gang hoch. Jägerin Loulou lehrt die Taunus-Tiere das Fürchten und wird nebenbei den Begriff „Speed“ neu definieren.

Da ich nicht komplett grössenwahnsinnig bin, lasse ich potentielle grosse Beutetiere wie Rehe oder Hirsche zunächst aussen vor. Mein Revier ist nicht der Wald, sondern ein Bild von einem Acker mit Hasen und Mäusen drauf. Schön übersichtlich. Um es in der Formel-1-Sprache zu sagen: wir haben perfekte äussere Bedingungen. Lufttemperatur 24 Grad (Boden 23 Grad), leichte Bewölkung mit etwas Sonne, 71 Prozent Luftfeuchtigkeit und 1014 Hektopascal Luftdruck. Mit anderen Worten: Recht frisch, aber trocken ist es und das bedeutet, dass meine Pfoten guten Grip haben. Als Junghund habe ich ja noch die weichen Gummis an den Füssen.
Und da sehe ich auch schon das erste Mäuschen über den Acker huschen. Los geht’s also: Die Startampel springt auf grün, und ich schiesse aus der Pole-Position auf die freie Strecke. Der Start gelingt perfekt. In nur 2,8 Sekunden erreiche ich meinen Maximalspeed. Der Motor – angetrieben von hochenergetischen Leckerlis und Schweineohren – schnurrt wie ein Kätzchen.
Die Maus schlägt Haken, aber ich bleibe dran. Eine Bestzeit nach der anderen nagele ich Hunting-Queen auf den Acker. Es ist nur noch eine Frage von Sekunden, bis ich den Nager kassiert habe. Tut mir ja leid für Dich, Knopfauge. Aber wenn ein Hundebolide wie ich gegen eine kurzbeinige Nuckelpinne wie Dich antritt, dann muss man sich nicht wirklich wundern, wie dieses Rennen wohl ausgeht. Ich habe die Szenerie jedenfalls schon vor meinem geistigen Auge: Maus gefangen – Rennen gewonnen – Nationalhymne – Champagnerdusche – und wo sind eigentlich die ganzen TV-Reporter mit ihren bunten Mikrofonpömpeln fürs Siegerinterview?
In diesem Augenblick der gedanklichen Ekstase geschieht etwas, das so nicht abgesprochen war. Die Maus begeht ein böses Foul – und verschwindet von der Bildfläche. Einfach so. Schwups. Maus weg. Verschwunden, verkrochen, verduftet – in ein offenbar für solche Zwecke vorbereitetes Loch in der Erde. Ich knurre, ich belle, ich scharre an dem Loch. Doch keine Chance. Die Maus bleibt von der Bildfläche verschwunden, weil das Loch offenbar der Eingang zu einem weit verzweigten Tunnelsystem unter dem Acker ist.
Natürlich schimpfe ich. Natürlich bin ich sauer auf die Maus: Ein klarer Regelverstoss, sich feige ins Erdreich zu verpieseln. Wo kommen wir hin, wenn so etwas Schule macht? Beim Fussball darf man den Ball schliesslich auch nicht mit der Hand spielen. Und überhaupt Tunnelsystem: Terror-Taliban-Methoden sind das doch. Wir sind im Taunus und nicht im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet. Wir wollten doch jagen und nicht James Bond oder Navy Seal spielen.
Es hilft nichts: Die Bilanz meines ersten Jagd-Tages fällt durchwachsen aus. Meine gute Laune lasse ich mir dadurch aber nicht vermiesen. Ich habe zwar keine Beute gemacht. Aber der moralische Sieger des Rennens bin ich allemal – und das zählt schliesslich. Aus die Maus.

Im Kindle-Shop: Loulous Life: Ein Jack-Russell-Welpe ertapp(s)t die Welt

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26. Juni 2017

'Long Life Island: Der 200-jährige Mensch' von Franziska Nelka

Das Projekt Long Life Island wird gestartet. Es handelt sich um eine hermetisch abgeriegelte Kuppel, ähnlich wie Tropical Island nur viel größer, die 100 ausgewählte Menschen beherbergt und ihnen dort alles bietet, was sie für ein langes Leben benötigen.

Dafür wurden die 7 Säulen des Lebens berücksichtigt, wie auch das Prinzip vom Programm Tod. Nun gilt es herauszufinden, ob es gelingt in diesem Projekt unter diesen speziellen Kriterien den ersten 200-jährigen Menschen hervorzubringen und damit zu beweisen, dass die Menschen durchaus in der Lage sind ein langes und gesundes Leben zu führen.

Begleite die Longlifer durch dieses spannende Abenteuer!

Gleich lesen: Long Life Island: Der 200-jährige Mensch

Leseprobe:
„Ach hör doch auf, im Durchschnitt geht jeder von uns nur 750 Meter pro Tag. Noch vor wenigen Jahrhunderten waren es um die 17 Kilometer. Das habe ich vorhin gelesen.“, sagte Lars Friedmanns.
„Ich gehe jedenfalls regelmäßig Walken!“, erwiderte Detlef Strauss, sein Gegenüber. Beide Männer starrten während des Gesprächs auf ihre großen Flatscreens.
„Auf der griechischen Insel Ikaria leben derzeit die ältesten Menschen mit 90 Jahren Plus. Einer von ihnen, ein 90- jähriger Grieche sagte in einem Interview, dass nicht nur wichtig ist, was man isst, sondern auch, was man nicht isst.“ Detlef Strauss schmunzelte und bemerkte die kurze Atempause seines Gegenübers. Dieser hatte soeben sein Schokocroissant zur Seite gelegt und war nun damit beschäftigt die Krümel von seiner Tastatur zu schütteln. Während Strauss eher der smarte Buchhalter und Zahlenverdreher war, konnte Friedmanns nichts so schnell aus der Ruhe bringen. Das sah man ihm auch an. Sein Bauch reichte bis über den Tischrand des Arbeitsplatzes, so dass er manchmal Mühe hatte aus seinem Bürostuhl aufzustehen oder die Tastatur mit seinen kürzer erscheinenden Armen zu erreichen. Jedoch war Friedmanns ein genialer Kopf wenn es um Struktur und Organisation ging, das musste Strauss schon zugeben.
Beide Regierungsangestellte arbeiteten nun schon seit über zehn Jahren zusammen. Nun waren sie mit diesem großen Projekt beauftragt worden und sollten eine Kostenanalyse aufstellen. Keine einfache Aufgabe, wenn man bedenkt das Projekt „Long Life Island“ das erste seiner Art ist. Orientieren sollten sich die Männer an Projekten wie Tropical Island und Spreewald Thermen. Somit waren sie in der Lage Regierungsmittel für den Besuch diverser Freizeiteinrichtungen zu nutzen, um sich einen Überblick zu verschaffen. Doch was anfangs wie ein Vergnügen erschien, wurde nun langsam zum Mamutprojekt. Es sollten spezielle Baumaterialien wie Titanium für die Kuppel verwendet werden. Von einem Kraftfeld war außerdem die Rede. Und auch im Innenbereich sollte es an nichts fehlen. Einzelräume, Gruppenräume, Kino, Natursee, Sportplatz und Permakulturgärten bzw. Ackerflächen für die Selbstversorgung waren geplant. Zudem sollten Photovoltaikanlagen, eine Biogasanlage und ein Blockheizkraftwerk für den nötigen Strom und Wärme sorgen.
Architekten, Bauingenieure, Statiker, Permakulturexperten und Umwelttechniker arbeiteten bereits seit Monaten mit Hochdruck an dem Projekt. Es gab bereits die ersten Kostenvoranschläge und "Long Life Island" bekam immer mehr ein Gesicht.
„Japaner auf der Insel Okinawa haben ihre eigene Interpretation vom Sinn des Lebens und wissen warum es sich lohnt jeden Tag aufzustehen. Ein Drittel der Über-100- Jährigen auf Okinawa steckt noch im Arbeitsleben. Vielleicht ist das ja der Schlüssel?“, sagt Friedmanns schließlich und grinste zufrieden zu Strauss hinüber.
Detlef Strauss schüttelte nur mit seinem Kopf und sagte etwas geistesabwesend: „Ich glaube, dass ganze Projekt ist eine Luftnummer. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass 7 Säulen des Lebens ausreichen, um das Leben insgesamt auf 200 Jahre zu verlängern. Und außerdem kommt es ja auch auf die Qualität an und nicht nur auf die Quantität.“
Lars Friedmanns mustert seinen Kollegen ausgiebig. Der akkurate Kurzhaarschnitt erinnerte ihn irgendwie an seinen Armeeausbilder von damals. Schon immer war Strauss eher der Skeptiker von beiden. Doch Friedmanns gefiel die Idee vom langen Leben. Er hatte sich interessiert das Konzept durchgelesen, welches von einem Bestseller-Autorenpaar ausgearbeitet wurde. Die Idee dahinter war, dass wenn man alle sieben Säulen des Lebens einhielt, es gar nicht oder eben viel später zum Auslöser “Körperabbau“ oder Tod kommt.
„Es kommt auf die Mischung an mein lieber Detlef und wer sich daranhält, wird auf jeden Fall ein niedrigeres biologisches Alter haben, als sein Alter in Lebensjahren. Das wiederum führt zu mehr Vitalität und Glück. Die Qualität dürfte somit also auch stimmen!“, konterte Friedmanns schließlich.
Strauss winkte sogleich ab. „Dann würden es ja alle machen. Das wäre viel zu leicht. Gesundes Essen, Bewegung, Sonne, Wasser, Meditation und was war es noch? Ach … das gibt es doch schon alles!“
Friedmann schlug seine dicken Finger über Kreuz und ließ sie auf seinem Bauch ruhen. Lächelnd sah er zu Strauss und nickte. „Wohl war Kollege. Aber was du vergisst, ist die Tatsache, dass es hier und heute zu viele Außenfaktoren oder besser gesagt Einflussfaktoren gibt, die die Säulen angreifen!“
Strauss zog skeptisch eine Braue hoch: „Und die wären bitte?“
„Smog, Handystrahlung, Friedhöfe, Ärzte, die einem sagen, wie lange man noch leben darf, Patientenverfügung, unreines Wasser … ich kann dir eine ganze Liste machen!“
Beide Regierungsangestellte schwiegen eine Weile. Strauss überlegte sichtlich, welches Gegenargument er nun anführen konnte. Schließlich fiel es ihm ein: „Dann willst du also wieder zurück in die Steinzeit? Kein Strom, kein Internet, keine Handys?“
Friedmanns lachte kurz auf und nahm sein Croissant wieder in die Hand.

Im Kindle-Shop: Long Life Island: Der 200-jährige Mensch

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24. Juni 2017

'Sommernächte' von Nora Theresa Saller

Die 22-jährige Melissa, eine ehrgeizige Studentin der Tiermedizin, reist zu ihrer Familie aufs idyllische Land der Lüneburger Heide. Wie sie glaubt, steht ihr ein arbeitsintensives Praxissemester auf dem Milchhof ihrer Tante bevor. Doch noch nicht einmal richtig angekommen, stellt Mann ihre Welt gehörig auf den Kopf.

Chris, der nicht nur unglaublich attraktiv, sondern unnahbar zu sein scheint, gewährt Melissa Einblicke in die dunkle Seite ihrer Familie. Im richtigen Moment erweist sich Chris` Zwillingsbruder Tom als ihr Rettungsanker. Bald findet sich die junge Studentin in einem sinnlichen Abenteuer zwischen den zwei Männern wieder. Aber tief verwurzelte Geheimnisse lassen Melissa nicht zur Ruhe kommen, so dass sie droht, an dem Chaos zu zerbrechen.

Gleich lesen:
Für Kindle: Sommernächte
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
Es war ein ungewöhnlich heißer und stickiger Junitag. Laut Wetterbericht lag der heißeste Sommer seit 35! Jahren vor uns, denn eigentlich waren diese hochsommerlichen Temperaturen nicht vor Ende Juli zu erwarten. Doch die vielen gelblich verdorrten Wiesen, die vor meinen Augen vorbeizogen, waren der Beweis einer gnadenlosen Hitzeperiode, die uns dieses Jahr bereits zu Sommerbeginn überall in Deutschland heimsuchte.
Der Zug, in den ich vier Stunden zuvor gestiegen war, ratterte monoton vor sich hin. Mir klebte der Schweiß sämtliche Haarsträhnen an die Stirn und hinterließ wachsende Flecken auf meiner Kleidung. Es mussten an die 35° C in diesem Abteil sein. Kinder quengelten und der Geduldsfaden so mancher Eltern riss vermutlich eher als sonst. Unangenehme Gerüche machten sich breit. Der ungepflegte Mann neben mir schnarchte mit offenem Mund und sein Kopf fiel immer wieder auf meine Schulter. Sein Schweiß mischte sich mit meinem und brannte sich auf ekelerregende Weise in meine Haut. Eng ans Fenster gelehnt, blieb mir nichts anderes übrig, als seinen fettigen Rotschopf mit spitzen Fingern von mir zu schieben. Meine anfangs noch freundlichen und später forscheren Bitten prallten einfach an ihm ab.
Was für ein Albtraum!
Ich mochte weder Züge noch das Gefühl des Eingeengtseins. Doch diese furchtbare Reisebegleitung neben mir setzte dem Ganzen noch die Krone auf. Wie lange sollte das denn hier noch dauern? Mein Blick auf die Uhr verriet mir, dass ich lange noch nicht am Ziel war. Stöhnend stöpselte ich mir die Kopfhörer in die Ohren und beschloss mich von meinen Lieblingssongs hinfort tragen zu lassen. Diese Fluchtmöglichkeit blieb mir zumindest.

Vor mir lagen drei Monate Semesterferien, die ich bei meiner Tante Eni und meinem Onkel Jo, auf deren Milchhof in der Lüneburger Heide verbringen durfte. Ich hatte das Grundstudium zur Tierärztin gerade hinter mich gebracht. Nun war es an der Zeit, die erlernte Theorie in die Praxis umzusetzen. In letzter Zeit hing ich nur über den Büchern und paukte für die Prüfungen. Dafür hatte ich mich mit meiner Freundin und Mitbewohnerin Amy, eigentlich Amelie Schneider, zwei Wochen lang in unserer kleinen Studentenwohnung in Stuttgart verschanzt, um die vielen Themengebiete in den Kopf zu bekommen. Wir hatten uns während der Immatrikulation kennengelernt und es war Liebe auf den ersten Blick gewesen – also im freundschaftlichen Sinne. Auf Anhieb verstanden wir uns so gut, dass wir beschlossen, uns gemeinsam nach einer Unterkunft auf dem Unigelände umzusehen. Die Verwaltung bot mir aufgrund meines Vollstipendiums ein Zimmer in einem 3-Raum-Appartment im Wohnheim an. Amy und ich zögerten nicht lang und sagten zu. Meine Freundin nahm das kleinere der zwei Schlafzimmer, da sie sich die Wohnung ohne meinen Anteil nicht hätte leisten können. Sie meinte, lieber so, als die Zwei-Bett-Zellen und Gemeinschaftsdusche zwei Stockwerke tiefer. Die Wohnung war ausgestattet mit einer Mini-Küche und besaß ein eigenes kleines fensterloses Bad. Nichts Hübsches, aber ein Traum für jeden Studenten.
Amy hatte sich den Kleintieren verschrieben und war Tierschützerin mit Leib und Seele. Das volle Programm! Vegetarische Ernährung und soweit ihr Geld ausreichte auch vegane Klamotten, zumindest jedoch von biologischer Herkunft. Oft war nur der Flohmarkt oder der Secondhandladen drin. Das war ihrer Meinung nach noch immer nachhaltiger, als die ethisch fragwürdigen Marken neu zu kaufen. Sie war loyal, aber auch chaotisch oder wie sie es nannte kreativ. Ihr kleines Zimmer bestand zur einen Hälfte aus einem Schreibtisch sowie zwei verwaisten Kleintierkäfigen und zur anderen Hälfte aus einem Klamottenhaufen, unter dem sich ihr Bett versteckte. Dann noch die vielen Bücher und Flugblätter der letzten und kommenden Demos, zu denen ich sie ab und an begleiten musste. Ich fand sie süß. Rote Locken, Sommersprossen und grüne Augen, dazu noch dieses bezaubernde Grinsen, wenn sie etwas ausheckte. Wir waren fast gleich groß, hatten eine ähnlichen Figur und somit ungefähr die gleiche Kleidergröße, so dass meine Freundin praktischerweise gern auf meine Klamotten auswich, wenn sie es mal wieder nicht geschafft hatte, ihre zu waschen oder der Flohmarkt-Look gerade nicht passend erschien. Aber eigentlich passte mein eher unauffälliger Kleidungsstil gar nicht zu ihr. Jeans kombiniert mit den wahrscheinlich langweiligsten Oberteilen dieser Welt und jede Menge einfacher Kleider, waren mein Erkennungsmerkmal. Ich stach mittlerweile aus der Masse heraus, weil mir kaum jemand in Sachen Farblosigkeit das Wasser reichen konnte. Königin Grau, ja das traf es gut. Meine dunkelblonden und gewellten Haare reichten mir bis zum Po, da ich zu geizig und zu faul war zum Frisör zu gehen. Ich trug der Einfachheit halber fast immer einen unordentlichen Dutt. Aber meine Augen fand ich schön! Blau und groß und die Wimpern so dunkel, dass ich in der Regel auf Mascara verzichten konnte. Da ich ab und zu mit Amy laufen ging und auf dem Campus gelegentlich den Fitnessbereich besuchte, war ich einigermaßen fit, aber als sportlich hätte ich mich nicht bezeichnet. Und weil mich selten ein Mann ansprach, war davon auszugehen, dass ich eher nicht zu dem attraktivsten Teil der Gesellschaft gehörte. Amy schimpfte immer mit mir, wenn ich das sagte. Sie fand mich schön. Meine verrückte Amy! Ich schüttelte vergnügt den Kopf und schmunzelte, als ich an unseren Abschied am Morgen dachte. Nachdem ich die Tür meines Zimmers mit der taubenblauen Tapete und dem weißen Metallbett hinter mir schloss, breitete sich ein seltsames Gefühl in mir aus. Aufgeregte Vorfreude hinterließ ein Kribbeln im Bauch. Nur gut, dass Amy mich noch zum Zug begleitete, so hatten wir noch etwas mehr Zeit, uns zu verabschieden.
Auch sie hatte den Sommer für sich komplett verplant und somit würden wir uns erst in drei Monaten wiedersehen. Nachdem wir zwei Jahre wie siamesische Zwillinge gelebt hatten, war diese Vorstellung fast unerträglich. Gemeinsam mit unserem Kommilitonen Steve plante sie eine Tour durch Australien. Dort wollten sie sich einer Tierschutzorganisation anschließen und sich um Artenschutz und Tierzählungen kümmern - hörte sich eher nach Spaß als nach harter Arbeit an.
Nur zu gern hätte ich sie begleitet, aber mein Budget für große Reisen reichte leider nicht aus. Somit war der Hof meiner Tante eine kostengünstige und zudem sehr erfahrungsreiche Alternative. Mein Traum war es ohnehin nach dem Studium aufs Land zu ziehen, um mich dort den Kühen, Schafen und Pferden zu widmen. Mit Nagern, Vögeln und anderem Kleingetier hatte ich es nicht so. Außerdem vermisste ich es, meine Familie um mich zu haben.
So hing ich meinen Gedanken nach, als endlich, nach den wohl längsten sechs Stunden meines Lebens, ein Rauschen durch die Lautsprecher tönte und ein genervter Schaffner meinen Zielbahnhof ankündigte.
Lüneburg.

Im Kindle-Shop: Sommernächte
Für Tolino: Buch bei Thalia

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23. Juni 2017

'Tod auf Juist. Ostfrieslandkrimi' von Ulrike Busch

Ein rätselhafter Todesfall hält die ostfriesische Insel Juist in Atem. Zwei junge Frauen werden leblos aufgefunden, friedlich ruhend im Strandkorb! Die beiden Freundinnen waren Gäste im Haus der Inneren Mitte, dem berühmten spirituellen Zentrum der Insel. Hat ihr Therapeut Jannes Aldag die Selbstmord-Absichten der jungen Frauen nicht erkannt?

Zur selben Zeit weilt auch die ostfriesische Journalistin Kaya Witt auf Juist. Sie mag an die Freitod-Theorie nicht so richtig glauben und spürt der Sache nach. Schnell wird deutlich: Unter den Therapeuten des spirituellen Zentrums herrscht alles andere als Harmonie. Und welche Rolle spielt der halbseidene Finanzjongleur Jendrik Holthusen? Er hat große Pläne auf der Nordseeinsel, und der Tod der beiden Frauen spielt ihm perfekt in die Karten ...

Gleich lesen:
Für Kindle: Tod auf Juist. Ostfrieslandkrimi
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
»Sechs Uhr früh. Sie hören die ersten Meldungen des Tages«, meldete der Nachrichtensprecher gut gelaunt.
Zu gerne hätte Ricklef Reimers die Stimme aus dem Radiowecker verdrängt. Eine atemberaubende Bikinischönheit lag in seinen Armen. Genüsslich spitzte sie die Lippen, und ihre Hand ...
Rücksichtslos entriss Johanne ihm die Schönheit. »Aufsteh’n«, brüllte seine Frau in sein rechtes Ohr.
Im Wachwerden versuchte Ricklef, die kleine Romanze zu Ende zu denken. Johanne klapperte indes in der Küche herum und stellte ihm seine Tagesration an Tee, Stullen und frischem Obst zusammen.
Eine halbe Stunde später und voller Frust über den verlorenen Traum verließ Ricklef das Haus. Den Rucksack mit dem Proviant über der Schulter, marschierte er durch Loog, vorbei an Häusern, in denen die Urlauber sich darauf freuten, einen sonnigen Tag an dem schier endlos erscheinenden Strand von Juist zu verbringen. Einem Strand, dessen feiner weißer Sand es Ricklefs Ansicht nach mit jedem karibischen Eiland aufnehmen konnte.
Der gebürtige Juister war stolz auf seine Insel. Hier war die Welt auch im einundzwanzigsten Jahrhundert noch in Ordnung. Statt Autos gab es Pferdekutschen, statt Hektik Entschleunigung. Und während überall auf dem Globus das Böse herrschte und Mord und Totschlag an der Tagesordnung waren, konnte man sich auf Juist seines Lebens sicher sein – erst recht an einem strahlend schönen Sommertag in einem der Strandkörbe von Ricklef Reimers.
Ricklef bog in die Hammerseestraße ein. Eine Joggerin hüpfte die Treppenstufen eines Hauseingangs hinunter, grüßte ihn und sprintete an seiner Nase vorbei in Richtung Strand.
Auf dem Piratenpad, der quer durch die Dünen führte, kam ihm Jannes Aldag entgegen. Wie immer, wenn sie sich hier begegneten, wirkte er komplett entschleunigt. Ganz in seiner eigenen Mitte gefangen, zeigte er Ricklef sein entspanntes Frühmorgengesicht.
Automatisch verlangsamte Ricklef das Tempo, um nicht zu hektisch und geschäftig zu erscheinen und sich von diesem Eigenbrötler, einem Psychologen, der sich selbst vor allem als Guru verstand, nicht schon wieder einen Vortrag über Entschleunigung und Achtsamkeit im Hier und Jetzt anhören zu müssen.
Ricklef erreichte den Strand, blieb stehen und sog die würzige Luft ein. Der Wind kam aus Nordwest, die See wogte glitzernd in der Sonne. Der Meteorologe gestern Abend nach den Fernsehnachrichten hatte mit seinen Prognosen recht behalten. Sonne pur, weit und breit keine Wolke in Sicht. Die nächsten drei, vier Tage sollte es so bleiben.
Ricklef stakste durch den tiefen Sand zu seiner Hütte, die am Dünenrand ganz in der Nähe des Strandaufgangs lag. Er stellte den Rucksack darin ab, zog sich die Schuhe aus und krempelte die Hosenbeine hoch. Dann stapfte er bis zum Flutsaum, wandte sich nach Westen und watete durch das knöcheltiefe kühle Wasser in Richtung Westen.
An dem Strandabschnitt angekommen, auf dem seine Körbe standen, wandte er der See den Rücken zu und blickte stolz auf sein Imperium: sechsundfünfzig Strandkörbe, eins a gepflegt und liebevoll instand gehalten. Jeden einzelnen hatte er gestern Abend bei seinem letzten Kontrollgang mit der offenen Seite nach Süden ausgerichtet, damit der Wind nicht den Sand auf die Sitze blies. Und jeden Korb hatte er mit einem Tierschutzgitter vor Möwen und anderen Seevögeln geschützt, damit ihm die ungebetenen Gäste nicht die Sitze versauten.
Doch was war das? Korb Nummer dreizehn war nicht vermietet, und trotzdem war das Gitter abmontiert und gegen die Rückseite gelehnt. Mit krausgezogener Stirn stapfte Ricklef zu dem Korb. Das Schloss, mit dem das hölzerne Konstrukt gesichert gewesen war, war aufgebrochen worden. Nachher würde er es durch ein neues ersetzen. Zum Glück hatte er Ersatz in seiner Hütte parat.
Er hob das Gitter hoch und trug es um den Korb herum, um es provisorisch festzustecken.
Doch der Korb war besetzt. Zwei Frauen lehnten Schulter an Schulter und schliefen. Jede von ihnen hatte einen Strohhut aufgesetzt, der tief ins Gesicht gezogen war. Die Arme waren unter einer karierten Decke verborgen, die bis zur Brust hochgezogen war.
Hatten die Frauen etwa die Nacht hier verbracht? Gleich, wenn sie erwacht waren, würde er ihnen in freundlichem Ton erzählen, was so ein schickes Stück während der Hochsaison kostete.
Ricklef baute sich vor dem Korb auf, eine Hand auf das Gitter gestützt, das er neben sich abgestellt hatte, und stierte die Damen an. Sie sahen aus wie Schaufensterpuppen, die jemand zur Dekoration der Strandszenerie hier abgesetzt hatte.
Leise pfiff er eine Melodie, die viele Jahre lang jeden Morgen zu Beginn der Nachrichten auf seinem Lieblingssender im Radio gespielt worden war.
Die Frauen rührten sich nicht.
Er betrachtete sie genauer. Die eine hatte ein grasgrünes Sweatshirt mit aufgedruckten Blumen an, die andere trug einen dunkelblauen Pulli mit V-Ausschnitt, darunter ein blütenweißes T-Shirt. Unter der Decke lugten zwei Paar weiße Sneakers hervor.
»Hey, meine Damen, aufwachen!«, rief Ricklef verhalten. Er wollte die Strandschönheiten nicht erschrecken. Nachher beschwerten sie sich noch beim Kurdirektor.
Noch immer regte sich keine der beiden. Konnten sie ihn nicht hören oder wollten sie nicht? Eins stand fest: Wenn sie hofften, er würde unverrichteter Dinge weiterziehen und sie brauchten den Korb nicht zu bezahlen, hatten sie sich in den Finger geschnitten.
»Moin!«, rief er, jetzt deutlich lauter. »Aufwachen, die Sonne lacht!«
Sie ignorierten seinen Ruf. Fühlten sie sich nicht angesprochen? Verstanden sie möglicherweise kein Deutsch?
»Ladies, wake up. The sun is shining!«, versuchte er es mit international verständlichen Worten. Vergeblich.
»Coffee to go!«, rief er ihnen etwas unbeholfen zu, weil er nicht wusste, wie man auf Englisch ausdrückte, dass es Zeit für einen Kaffee war.
Ricklef wurde ungeduldig. Er ließ das Gitter los, es fiel in den Sand. »Hey, aufwachen«, herrschte er die Damen an und rüttelte eine der schlafenden Grazien an der Schulter.
Die Frau kippte gegen die Seitenwand des Korbs. Der Hut rutschte ihr vom Gesicht und kullerte dem Strandkorbvermieter vor die Füße.
Ricklef sprang zurück. Er schnappte nach Luft.
Träumte er?
Aus dem Augenwinkel sah er, wie ein Kollege die Wasserkante entlangmarschierte.
»Hey, Lutz«, rief er ihm verhalten zu und winkte ihn heran. »Komm doch mal her!«
Lutz stapfte stirnrunzelnd durch den Sand. »Ärger?«, fragte er und deutete mit dem Kopf auf die Gestalten im Strandkorb. Er blieb neben Ricklef stehen, zog die Nase hoch und griff sich ans Kinn. »Die tun dir nix mehr«, stellte er trocken fest.
Die Augen panisch auf die beiden Damen geheftet, nahm Ricklef sein Handy aus der Hosentasche und legte seinen Finger auf die Notruftaste. »Zwei Tote am Strand von Loog auf Juist«, meldete er dem Mitarbeiter in der Notrufzentrale. Sein Herz klopfte bis zum Hals.
»Badeunfall?«, fragte der Mann zurück.
»Eher nicht«, erwiderte Ricklef. »Sieht aus, als wären sie im Strandkorb eingeschlafen.«
Der Mann in der Leitung blieb einen Moment lang stumm. »Ja, was denn nun: eingeschlafen oder tot?« Er klang nicht so, als nähme er Ricklef ernst.
Ricklef wurde ungehalten. »Ziemlich tot! Soll ich ein Handyfoto rüberschicken?«, donnerte er ins Smartphone.

Im Kindle-Shop: Tod auf Juist. Ostfrieslandkrimi
Für Tolino: Buch bei Thalia

Mehr über und von Ulrike Busch auf ihrer Website.



'Humor und Hausverstand erwünscht' von Brigitte Teufl-Heimhilcher

Wenn auch Thessas Chef gelegentlich Anstoß an ihrem sorglosen Outfit nimmt, sie ist doch mit sich und der Welt zufrieden. Sie mag ihren Job, liebt ihren Sohn Nicky und hat mit dessen Vater Wolfgang eine angenehme, wenngleich nicht besonders aufregende Beziehung.

Doch Dinge ändern sich: Zwar wird das Verhältnis zu ihrem Chef täglich besser, dafür kommt Nicky langsam in die Pubertät, und Wolfgang hat ein Verhältnis mit seiner jungen Praktikantin.

Mit Humor und Hausverstand gelingt es Thessa dennoch, den Alltag zu meistern, doch Judith, Michaels intrigante Geschäftspartnerin, bringt Thessas Seelenfrieden ganz schön ins Wanken.

Gleich lesen: Humor und Hausverstand erwünscht

Leseprobe:
Zeit der Veränderung
Der Montagmorgen begann grau und regnerisch. Thessa war es egal. Sie eilte singend ins Bad, verwöhnte die verspannten Muskeln erst mit heißem Wasser, ehe sie die morgendliche Dusche mit einem kalten Guss beendete, und gönnte sich dann ein gemütliches Frühstück, mit allem, was dazugehört: duftender Kaffee, frisch gepresster Orangensaft, knuspriges Brot, Butter, Käse, ein Ei und Honig.
So ein Frühstück alleine hat doch auch Vorteile, dachte sie, und aß mit gutem Appetit, während ihre Gedanken zu ihrem Sohn wanderten. Sicher schlief er noch. Obwohl, man konnte nie wissen. In den Ferien war Nicky ja deutlich aktiver, und wenn er sich bei seinem Vater im Forsthaus aufhielt, erst recht. Sicher würde er jeden Moment genießen – und vor Ende August nicht freiwillig nach Wien zurückkommen. Sie war ja froh, dass die beiden sich so gut verstanden, dennoch seufzte sie. Sie hatte mit Nicky immer nur den Alltag, Wolfgang immer nur die Ferien.
Nachdem sie ihr Frühstück beendet hatte, stellte sie sich vor den Kleiderkasten und überlegte, was sie an ihrem ersten Arbeitstag anziehen sollte. Ihr zukünftiger Chef war ihr beim Vorstellungsgespräch wahnsinnig elegant erschienen, auch seine Sekretärin schien ziemlich durchgestylt, also würde ein Kostüm wohl angemessen sein. So ein Blaues für alle Fälle musste doch da noch irgendwo sein. Ob das noch passte? Sch…wanenbraten!
Der Rock kniff und die Jacke ließ sich auch nur noch mit Mühe schließen. Jetzt blieb nur noch das Jägerleinene, das sie zu Ostern gekauft hatte. Wolfgang hatte es gut gefallen, aber was verstand Wolfgang schon von Mode? Egal. Schließlich sollte sie nicht als Model arbeiten. Hoffentlich konnte sie in ein zwei Tagen zu ihren gewohnten Jeans zurückkehren.
So wenig, wie sie sich für Kleider interessierte, so wenig interessierte sie sich normalerweise für ihre Frisur und ihr Makeup.
Nicht, dass sie eines gehabt hätte – ihre Wimpern waren von Natur aus dicht und dunkel, die Augenbrauen ebenso - ein wenig Lippenstift am Morgen, das musste für den Tag reichen.
Und Frisur – mein Gott. Das dichte brünette Haar wurde regelmäßig gewaschen und zu einem Pferdeschwanz gekämmt.
Früher hatte sie es manchmal offen getragen, aber dann hatte ihre Mutter immer auf sie eingeredet, dass sie es in Form föhnen solle. Aber das war ihr meistens zu mühsam gewesen, so war es eben beim Pferdeschwanz geblieben.
Normalerweise war sie mit sich zufrieden, doch seltsamerweise blickte sie heute schon zum zweiten Mal in den Spiegel, während sie auf Dr. Hausner wartete. Nervös zupfte sie an ihrer Trachtenbluse herum. Komisches Teil. Vielleicht hätte sie …
„Frau Magister Bachmann …“
Ein letzter Blick in den Spiegel.

Im Kindle-Shop: Humor und Hausverstand erwünscht

Mehr über und von Brigitte Teufl-Heimhilcher auf ihrer Website.



22. Juni 2017

'Schatten über Enduran' von Nadine Schackmann

Das Leben der Amazone Thalea ändert sich schlagartig als sie eines Tages durch einen Überfall auf ihr Dorf alles verliert, was ihr lieb und teuer ist. Mysteriöse Krieger zerstören auf brutalste Art ihr Heim und töten fast alle Schwestern des Blutkrallen-Clans. Nur Thaleas Geliebte Amira, eine Priesterin der Waldgöttin Niteran, die ein Kind unter ihrem Herzen trägt, wird verschont und stattdessen von den Kriegern verschleppt.

Thalea, die knapp mit dem Leben davonkommt, nimmt voller Rachsucht die Verfolgung auf, um Amira aus den Händen dieser Krieger zu befreien. Ihr Weg kreuzt sich bald mit dem der Magierin Sorana, deren grausames Schicksal eng mit dem ihren verbunden ist.

Bald schon müssen beide Frauen eine schwerwiegende Entscheidung treffen … denn die Zukunft der Welt hängt von ihnen ab.

Gleich lesen: Schatten über Enduran: Dunkle Seelen-Chroniken

Leseprobe:
Thalea rannte nun los und zog Celestine mit sich. Panisch stolperten sie über den unebenen Waldboden. Die unheilvolle Stille der Nacht wurde jäh durch ein weiteres Heulen unterbrochen. Etwas Großes rauschte haarscharf über ihre Köpfe hinweg und der heftige Windstoß riss sie fast von den Beinen. Celestine schrak mit einem schrillen Schrei zusammen.
„Was bei allen Göttern war das?“
Wieder war das rauschende Geräusch ganz nah zu hören und mit lautem Geschrei wurde Celestine von den Beinen gerissen und einige Meter davon geschleudert.
„Celestine!“ gellte Thalea erschrocken und wollte zu ihr eilen, als auch sie von irgendwas gepackt und in die Lüfte gerissen wurde. Sie wirbelte durch die Luft und krachte gegen einen Baum. Dann schlug sie auf dem Boden auf, wo ihr augenblicklich die Luft wegblieb. Nach Atem ringend blieb Thalea halb benommen liegen. Sie hatte sich mit größter Sicherheit ein paar Rippen gebrochen. Keuchend versuchte sie aufzustehen. Im fahlen roten Mondlicht sah sie von weitem, wie sich eine dunkle Kreatur über Celestine beugte, sie an den Beinen packte und sie mit sich in die Finsternis des Waldes zerrte. Die Bardin schrie wie am Spieß, während sie über den Waldboden geschleift wurde. Thalea sprang unter Schmerzen auf und stürzte ihnen hinterher. „Celestine!“ Sie lief so schnell sie konnte, aber zu ihrem Entsetzen musste sie feststellen, dass der Abstand zwischen ihnen immer größer wurde. Die Schmerzen raubten Thalea den Atem und jeder Schritt war größte Pein. Auf einmal hörte sie hinter sich Geräusche. Als sie sich umdrehte, bemerkte sie, dass auch sie verfolgt wurde. Eine dunkle Gestalt in wehenden Roben war hinter ihr her. Diese berührte mit den Füßen kaum den Boden, sondern schien knapp über dem Waldboden zu fliegen und war Thalea dicht auf den Fersen. Sie war um einiges schneller als die junge Kriegerin und streckte schon messerscharfe Krallen nach ihr aus. Humpelnd und außer Atem versuchte Thalea noch schneller zu rennen.
Der Traum! schoss es ihr durch den Kopf. Der Traum, der sie seit Nächten heimsuchte, schien Wirklichkeit zu werden. Die Kreatur war nun ganz nah und Thalea konnte regelrecht ihren Atem im Nacken spüren. Die Kriegerin stolperte vor lauter Panik. Bevor sie stürzen konnte, packte der Verfolger sie und riss sie herum, so dass sie heftig mit dem Rücken aufschlug. Der Aufprall presste die Luft aus Thaleas Lungen und sie rang benommen nach Atem. Die Kreatur beugte sich über sie und hielt sie mit ihren gefährlichen Krallen fest am Boden. Thalea konnte das Gesicht unter der Kapuze für einen Bruchteil einer Sekunde sehen und es kam ihr irgendwie bekannt vor… Doch schon wurde das Gesicht wieder in Schatten gehüllt.
„Jetzt bist du mein!“ flüsterte ihr Angreifer mit rauer Stimme in ihr Ohr.
Thalea spürte eine noch nie da gewesene Angst. Sie blickte gerade dem Tod ins Auge. Diesmal würde es kein Entrinnen geben. Sie dachte an Amira. Ich werde sie nicht mehr retten können… Geifer troff aus der grässlichen Fratze, die jetzt unter der Kapuze zum Vorschein kam. Sie hatte zwar menschliche Gesichtszüge, doch waren diese seltsam verzerrt und die Haut glänzte metallisch. Tiefe Schatten lagen um die rotglühenden Augen, die sie hungrig ansahen. Die Bestie bleckte nadelspitze Zähne und ein tiefes Knurren drang aus ihrer Kehle, das einem das Blut in den Adern gefrieren ließ. Dann stieß sie ihre zu langen Krallen mutierten Fingernägel tief in Thaleas Leib. Der höllische Schmerz ließ Thalea aufschreien. Dann riss die Bestie Thaleas Kopf in den Nacken und stieß ihre Reißzähne tief in ihre Kehle. Die Kriegerin wandte sich schreiend unter der Last des Angreifers, versuchte sich mit aller Kraft zu befreien. Doch er war so viel stärker als sie. Thalea spürte, wie er an ihrer Kehle zerrte und die Schmerzen sie zu überwältigen drohten. Langsam schwanden ihre Kräfte. Die Wärme entwich ihrem Körper und Dunkelheit legte sich um sie, versuchte sie zu verschlingen.

Im Kindle-Shop: Schatten über Enduran: Dunkle Seelen-Chroniken

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21. Juni 2017

'Aus dem Koma' von Siegfried Langer

Alle Erinnerungen an mein bisheriges Leben sind ausgelöscht. Ich weiß nicht mehr, wer ich bin und wie ich heiße.

Eine attraktive Frau, die sich als meine Freundin ausgibt, kümmert sich liebevoll um mich. Doch ich spüre, dass sie mir nicht die Wahrheit erzählt und dass unsere Liebe ein dunkles Geheimnis birgt.

Ein Psychologe, der mir helfen soll, Licht ins Dunkel zu bringen, schafft lediglich eine Vielzahl neuer Rätsel. Ein Kommissar drängt darauf, mich wegen eines Mordes zu vernehmen. Als Zeuge? Oder als Verdächtiger?

Doch nicht nur mein Gedächtnis spielt mir Streiche, sondern zudem auch meine Wahrnehmung. Ich kann niemandem vertrauen, am wenigsten mir selbst ...

Für wenige Tage zum Einführungspreis von 99 Cent.

Gleich lesen: Aus dem Koma: Thriller

Leseprobe:
Ich wusste nicht mehr, wie ich hieß.
Auch die Frau, die neben meinem Krankenbett saß und sagte, sie sei meine Freundin, erkannte ich nicht.
Doch mein Herz signalisierte mir klar und deutlich, dass ich sie liebte. Trotz allem. Immer noch.
Dass sie weinte und ich nicht in der Lage war, sie zu trösten, stimmte mich traurig. Tapfer streichelte sie meine rechte Hand, die auf der Bettdecke ruhte.
Im Handrücken der Linken steckte ein Infusionsschlauch, der mich mit Medikamenten versorgte.
Es kribbelte in meinem Magen.
War der liebevolle Blick der Fremden die Ursache dafür oder doch eher das einsetzende Hungergefühl? Denn bis gestern Morgen hatte ich noch über eine Sonde meine Nahrung erhalten, danach lediglich Suppe - so dünn und geschmacklos, dass sie ihren Namen nicht verdient hatte.
„Susanne“, flüsterte ich leise und strengte mich dabei so wenig an wie nur eben möglich. Kurz stahl sich ein Lächeln in ihr Gesicht. Vermutlich hoffte sie, dass ich mich endlich an sie erinnerte, doch wiederholte ich lediglich den Namen, mit dem sie sich vorgestellt hatte.
„Sebastian“, fuhr ich fort. Doch der Name, der der meine sein sollte, löste genauso wenig in mir aus wie der meiner mutmaßlichen Lebensgefährtin.
Susanne blickte mich hoffnungsvoll-fragend an, aber ich schüttelte lediglich den Kopf.
Sogleich stellte sich wieder dieses Pochen in meinem Schädel ein. Ich zog meine Rechte unter Susannes Hand hervor und tastete nach dem Verband an meiner Stirn.
„Du musst deinen Kopf ruhig halten, Schatz. Möglichst wenig bewegen, hat Dr. Lorenz gesagt.“
Dr. Lorenz, ein weiterer Fremder. Meine Erinnerung an ihn reichte nur wenig weiter zurück als die an Susanne.
„Es ist alles im Moment etwas viel für dich, Schatz.“
Ja, das war es.
Alles, was länger als ein paar Stunden zurücklag, war aus meinem Gedächtnis verschwunden.
Ausgetilgt. Gelöscht. Einfach weg.
Dagegen konnte ich alles, was mich umgab, beim korrekten Namen nennen: Krankenhausbett, Fenster, Tablettenblister, Kanüle. Sämtliche persönlichen Angelegenheiten jedoch blieben in der Finsternis verschwunden.
„Was ist passiert?“, fragte ich.
Das Sprechen schmerzte sehr und klappte nur langsam und undeutlich. Aber Susanne schien mich zu verstehen.
„Eine Kopfverletzung.“
Ja, das spürte ich auch.
„Wie?“
Susanne antwortete nicht, sah mich nur ängstlich an. Sie schien den Zeitpunkt noch nicht für gekommen zu halten, mich mit der Wahrheit zu konfrontieren.
„Dr. Lorenz meint, dass du relativ gute Chancen hast, dass sich dein Erinnerungsvermögen weitgehend erholt.“
Relativ gute Chancen …
Weitgehend erholt ...
Zuversicht hörte sich anders für mich an.
Und ich spürte instinktiv, dass meine Kopfverletzung nicht daher rührte, dass ich beim Auswechseln einer Glühbirne von der Leiter gefallen war.
Mein Gefühl sagte mir mit aller Deutlichkeit, dass mehr dahintersteckte. Etwas viel, viel Schlimmeres.
Gerade als ich alle Kraft zusammengenommen hatte, um resoluter nachzufragen, öffnete sich die Tür.
Eine weitere Person, die ich erst seit Kurzem kannte, trat ein: Schwester Kathrin.
Während Susanne dunkelbraunes, glattes Haar hatte, trug Schwester Kathrin blondes und gelocktes. Der leichte Hüftschwung, mit dem sie eintrat, glich dem eines Models, das Werbung für den Ausbildungsberuf der Krankenschwester machte.
Einerseits lächelte sie freundlich und gütig, andererseits spürte ich, dass mit ihr eine frostige Atmosphäre im Krankenzimmer Einzug gehalten hatte.
Da lag etwas zwischen ihr und mir. Etwas Unausgesprochenes. Etwas, das vor meinem Aufwachen geschehen sein musste.
In der Hand hielt sie einen Teller, den sie nun Susanne entgegenstreckte.
„Möchten Sie es versuchen?“
Susanne nahm den Teller entgegen und Schwester Kathrin reichte ihr zudem eine kleine Gabel.
Auch das, was auf dem Teller lag, erkannte ich sofort und konnte es benennen. Jemand, vermutlich Kathrin selbst, hatte einen Apfel in mundgerechte Stücke geschnitten. Zu meinem Erstaunen wusste ich sogar die Apfelsorte: Golden Delicious.
„Ganz wird er ihn nicht schaffen. Aber es ist wichtig, dass er überhaupt etwas isst, damit die Verdauung wieder in Gang kommt.“
Kathrin hätte das einfach auch direkt zu mir sagen können.
Während Susanne eines der Stücke mit der Gabel aufspießte und zu meinem Mund führte, folgte Schwester Kathrin der Bewegung mit ihrem Blick.
Brav öffnete ich meinen Mund. Der süßliche Geschmack regte sofort meinen Speichelfluss an. Dass ich gesabbert hatte, wurde mir erst bewusst, als Susanne liebevoll mit einem Taschentuch meinen Mundwinkel abtupfte.
„Ist nicht schlimm, Schatz.“
Das Kauen kostete mich ähnlich viel Anstrengung wie zuvor das Sprechen.
Wie lange waren meine Kiefermuskeln nicht in Bewegung gewesen?
Bislang hatte ich mich dies nicht zu fragen getraut.
Tapfer biss ich auf dem Apfelstück herum.
Meine Geschmacksknospen schienen zu explodieren. Ich konnte mich nicht erinnern, jemals etwas so intensiv geschmeckt zu haben. Aber in meinem gegenwärtigen Zustand hatte dies vermutlich wenig Aussagekraft.
Ich schluckte, doch es funktionierte nicht.
Noch einmal versuchte ich, den Apfelbrei hinab zu bekommen.
Nun klappte es.
Ich freute mich und Susanne entlockte der Erfolg ein begeistertes Lächeln.
Toll! Ich habe ein Apfelstück gegessen! Wollen wir gleich eine Pressemitteilung herausgeben?
„Sie müssen geduldig mit sich sein“, sagte Schwester Kathrin, als habe sie mir meinen Sarkasmus aus den Gesichtszügen abgelesen.
Zu nicken traute ich mich nicht, aus Angst vor einer neuerlichen Kopfschmerz-Attacke, also zwinkerte ich ihr bestätigend mit den Augen zu.
„Mehr?“, fragte Susanne und ich blinzelte erneut.
Ja, ich war ein Held: Ich konnte unmittelbar hintereinander zwei Apfelstücke verputzen!
Ich öffnete meine Lippen und Susanne schob mir das zweite Stück in den Mund.
Für einen Moment ließ ich es einfach auf meiner Zunge ruhen.
Die beiden Frauen beobachteten mich auch weiterhin. Jede Kleinigkeit wurde zu einem Großereignis. Ich aß und die zwei waren begeistert von mir.
Ich war mir ziemlich sicher, dass es in meinem bisherigen Leben deutlich schwieriger gewesen war, eine Frau so zufrieden zu stellen.
Nach dem dritten Stück konnte ich nicht mehr. Zum einen fühlte ich mich pappsatt, zum anderen tat mir bereits der Kiefermuskel weh.
Susanne schien dies zu erkennen. Während sie den Teller wegstellte und wieder meine Hand in die ihre nahm, verließ Kathrin das Zimmer.
„Es wird alles gut werden, Schatz.“
Na, diese Zuversicht hätte ich auch gerne!
„Ganz bestimmt. Bald wird wieder alles so wie früher sein.“
Ich wurde müde.
Ganz allmählich verschwamm Susannes gütiges Gesicht hinter einem Schleier. Ich wollte dagegen ankämpfen, aber es gelang mir nicht.
Sicherlich erhielt ich immer noch Schlafmittel.
Dann glitt ich hinüber in einen traumlosen …

Im Kindle-Shop: Aus dem Koma: Thriller

Mehr über und von Siegfried Langer auf seiner Website.