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Bücherkarussell
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23. September 2016

'Katzensitter' von Sandra Hausser

Als Hannah Bindhoffer und ihr Kollege Jens Hartmann zu einem Tatort mit weiblicher Leiche gerufen werden, deutet zunächst alles auf einen Selbstmord hin. Ein Abschiedsbrief, zeremonielle Beleuchtung und die passende Musik untermauern den Verdacht. Doch schon bald müssen die Kommissare feststellen, dass nichts ist, wie es der erste Eindruck vermittelt. Eine perfide Mordmethode und ein Täter, der keinem Muster zu folgen scheint und das Team Rhein-Main in Atem hält.

Gleich lesen: Katzensitter: Team Rhein-Main






Leseprobe:
23. August
Im Hochhaus am Stadteingang, in das Hannah Bindhoffer gerufen wurde, blieb sie zunächst orientierungslos vor den langen Reihen der Klingelknöpfe stehen. Sie versuchte, auf den Namen zu kommen, den der Kollege ihr mitgeteilt hatte. Nach kurzem Grübeln fiel es ihr ein, Reinheimer. Vermutlich ein Suizid, der wie alle Selbstmorde polizeilich bestätigt werden musste, hatte Schneider ihr gemeldet und gelangweilt geklungen. Sie verabscheute es, wenn jemand aus der Dienststelle sich anmaßte, Untersuchungen zu einem Freitod wie lästige Fliegen auf der Marmelade zu betrachten. Hannahs Empathieempfinden war so ausgeprägt, dass sie damit beruflich wie privat oft an Grenzen stieß. So mancher Scherz, gepaart mit Spott der Kollegen, zielte auf diesen Umstand. Doch sie weigerte sich, auch nur einen Schritt von ihrer Einstellung abzuweichen. Die Gefühle anderer Menschen außer Acht zu lassen, fand in ihrer Sichtweise zum Leben keinen Platz.
Die Herkunft einiger Familiennamen erahnte sie mühelos. Hannah stellte erneut fest, dass das alte HL-Hochhaus, wie es noch immer von etlichen Einwohnern der Nachbarstadt Raunheim genannt wurde, ein gutes Beispiel dafür war, wie viele unterschiedliche Nationen im Ort ein Zuhause fanden. Nachdem ihre Augen ein drittes Mal die immense Anzahl von Namen erfolglos überflogen hatten, drückte sie gegen die Eingangstür. Sie schnappte mit einem Klick auf und Hannah trat in den Flur. Auf dem Fußboden vor den Briefkästen lagen Stapel von Reklameblättchen, die ihren Weg in die Kästen nie gefunden hatten. Das ausgeblichene Farbbild und die Daten zu den Erscheinungswochen zeigten ihr, dass hier eine geraume Zeit nicht mehr aufgeräumt worden war.
Einige Postkästen quollen über und erweckten den Anschein, als seien die Besitzer seit Wochen verreist.
„Oder sie liegen tot in ihrer Wohnung und es bleibt einfach unbemerkt“, dachte sie niedergeschlagen. Keine Seltenheit, dass die Polizei von Nachbarn gerufen wurde, die einen unangenehmen Geruch meldeten. Wann sie ihren Mitbewohner das letzte Mal gesehen beziehungsweise gesprochen hatten, konnten sie häufig nicht beantworten.
„Verdammte Anonymisierung“, wisperte sie mit Blick auf die Briefkästen. Endlich fand sie den gesuchten Postkasten und las an den Gruppierungen ab, in welches der elf Stockwerke sie sich begeben musste. „Neunte Etage. Treppensteigen fällt aus, ich nehme den Lift!“
Als sie aus dem Fahrstuhl trat, schepperten laut die Bässe eines Heavy-Metal-Songs. Sie bog nach links in den schummrigen Hausflur und blieb an der letzten Tür der Reihe stehen.
Die Haustür der Familie Reinheimer war nur angelehnt. Die Kommissarin ging nach einem kurzen Klopfen, und ohne eine Antwort abzuwarten, hinein. Jens Hartmann stand mit einem Kollegen am Esstisch und diskutierte.
„He, Hannah, da bist du ja. Die Frau liegt im Badezimmer. Ist da vorne rechts“, erklärte er und drehte sich wieder weg.
„Moin, Hardy. Gibt es Erkenntnisse?“
„Schau sie dir erst einmal an, ich möchte wissen, was du denkst, bevor ich mich äußere.“
Er grinste. Jens Hartmann arbeitete bereits einige Monate mit Kommissarin Bindhoffer zusammen und zu Beginn von Ermittlungen vertraten sie oft unterschiedliche Meinungen. Der Kommissar liebte es, ihre Diskussionen lautstark vor den Kollegen auszutragen. Was in keinerlei Hinsicht etwas daran änderte, dass die Zusammenarbeit ausgezeichnet funktionierte. Dieser Umstand brachte Hartmann den Spitznamen Hardy ein, weil er beharrlich und hart seine Meinung vertrat. Hannahs andere Art, auf Dinge zu schauen und zu argumentieren, überzeugten ihn jedoch meist recht bald. Mit ihm als Partner zu ermitteln, empfand die Kommissarin als reine Wohltat, und es entsprach zudem ihrer Vorstellung von echtem Teamwork. Von Stefan Wagner, dem ihr früher zugeteilten Arbeitskollegen, konnte sie das nie behaupten. Er war unnahbar und arrogant in seiner Art und es gab keinen Zusammenhalt, sondern nur Intrigen und persönliche Ringkämpfe, die sie zermürbten. Hannah spielte zu jener Zeit monatelang mit, wartete auf eine Besserung und hoffte drauf, eines Tages als gleichwertig angesehen zu werden. Bis sie schließlich aufgab und die Versetzung nach Rüsselsheim beantragte.

Im Kindle-Shop: Katzensitter: Team Rhein-Main

Mehr über und von Sandra Hausser auf ihrer Website.



22. September 2016

'Die kleine Inselfinca' von Jana Fried

Chance ihres Lebens oder hastige Flucht? Diese Frage stellt sich Maike, als sie Deutschland von jetzt auf gleich verlässt.

Ihr Freund hat sie betrogen. Und das ausgerechnet mit ihrer besten Freundin. Deshalb nimmt sie kurzerhand die Erzieherstelle im Juniorclub eines mallorquinischen Hotels an und bucht einen Flug. Doch obwohl auf ihrer Trauminsel ständig die Sonne scheint, kommen trübe Gedanken auf. Glücklicherweise lernt sie Senora Gonzales kennen, eine alte Frau, die alleine und zufrieden auf ihrer Finca wohnt und dort den besten Ziegenkäse der Insel herstellt. Die herzliche, alte Dame zeigt ihr das wildromantische Lebensgefühl Mallorcas, abseits von Hotels und Tourismus. Bei ihr fühlt Maike sich wohl, und die Ratschläge der lebenserfahrenen Frau kann sie gut gebrauchen. Da gibt es den schönen Hoteldirektor, der Maike mit seinem spanischen Charme verführen will. Der reumütige Ex- Freund kämpft um ihre Liebe. Und da ist Jonas, ein verwitweter Schriftsteller, der mit seiner vierjährigen Tochter die Ferien im Hotel verbringt.

Schon bald bemerkt Maike, dass die Insel ihre neue Heimat werden könnte. Aber für ein dauerhaftes Glück braucht sie einen Plan, der über die Anstellung im Hotel hinausgeht.

Kurze Zeit für 2,99 erhältlich - später 3,99 Euro.

Gleich lesen:
Für Kindle: Die kleine Inselfinca: Liebesroman
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
Heute pfiff ein strenger Wind über die Dünenbrücke und das Meer wirkte dunkler als sonst. Überall blitzten die weißen Schaumkronen brechender Wellen und am Himmel trieben Quellwolken vorüber.
»Das sieht nach Unwetter aus«, sagte Maike, die das Gefühl hatte, als läge der Geruch von Regen bereits im Wind.
»Kann auch ganz schnell vorbeiziehen«, sagte Jonas.
Lisa ging vorneweg, Jonas und Maike bildeten den Schluss der Gruppe. Es waren heute bloß neun Kinder, und da der Strand beinahe menschenleer war, würde es einigermaßen leicht sein, sie alle im Blick zu behalten. An einem Sommertag mit Gedränge hätte Maike es sich trotzdem nicht zugetraut, mit neun fremden Kindern an den Strand zu gehen. Wie schnell ein Kind auf die Idee kommen kann, die Umgebung auf eigene Faust zu erkunden, hatte sie in ihrem Job schon oft genug erlebt, und auch wenn es meist bloß ein paar Augenblicke waren, bis man das verlorene Schäfchen wieder gefunden hatte, hier am Wasser wollte sie diese Augenblicke nicht erleben. Aber Lisa hatte schon reichlich Erfahrung in dieser Umgebung. Mit einem Stock zeichnete sie ein großes Rechteck in den Sand, es war vielleicht zwanzig Meter breit und zehn Meter hoch, schätzte Maike. »Keiner verlässt diesen Raum«, sagte sie zu den Kindern. »Wenn einer von euch zur Toilette muss, oder wenn jemand Hunger hat, immer erst zu mir oder Maike gehen und Bescheid sagen. Niemand verlässt das Viereck, verstanden?« Einige Kinder nickten, bei anderen musste Lisa nochmal nachfragen, aber schließlich schien allen die Regel klar zu sein. Nach und nach bildeten sich Grüppchen. Ein paar Jungs fingen an ein Loch zu graben, während einige Mädchen Muscheln und Steine in ihren Eimern sammelten. Bloß Nora blieb, gemeinsam mit Professor Kunda, dicht bei Maike und ihrem Vater sitzen und sah nachdenklich aufs stürmische Meer hinaus.
»Du kannst ruhig mit den anderen spielen, Nora, ich gehe nicht weg, ohne mich zu verabschieden.«
Nora reagierte zuerst nicht, bloß die Nachdenkfalte zwischen ihren Augenbrauen wurde tiefer. Dann sah sie Maike direkt an und sagte: »Du sollst weg!«
»Ich soll weg?«
»Ja.«
»Aber wo soll ich denn hin, ich muss doch hier meine Arbeit machen und auf die Kinder aufpassen.«
»Du sollst nicht so mit meinem Papa hier sitzen.«
»Aber wir können doch hier sitzen und reden«, sagte Jonas und sah seine Tochter fragend an.
»Aber wenn die Mama das sieht, wird sie bestimmt ganz traurig«, sagte das Mädchen und ihre Mundwinkel bogen sich nach unten.
»Ach, mein Schatz. Nein, nein, nein, warum sollte die Mama was dagegen haben?«
»Weil sie bestimmt lieber neben dir sitzen will.«
Maike sah, wie Jonas versuchte, die Fassung zu wahren, aber sie konnte sich gut vorstellen, wie schwierig das sein musste, denn sie selbst spürte bei Noras Worten den Druck der Tränen hinter ihren Augen.
»Aber die Mama sitzt doch sowieso die ganze Zeit hier bei uns, das weißt du doch.«
Nora nickte, die Mundwinkel immer noch nach unten gebogen, kämpfte sie gegen die Tränen.
Maike spürte ihr Herz klopfen. Sie wollte nichts Falsches sagen, aber sie hatte den Drang, die Worte auszusprechen, die ihr auf der Zunge lagen. »Deine Mama wird immer deine Mama sein, ganz egal, mit wem dein Papa irgendwo sitzt, das ändert daran nichts, verstehst du?«
Nora sah sie bloß an.
»Und ich fand es wirklich toll, dass du einfach gesagt hast, was dir auf dem Herzen liegt. Das ist nämlich manchmal gar nicht so einfach, stimmt’s?«
Nora nickte.
»Aber es ist unheimlich wichtig, dass man sagt, was man fühlt. Sonst frisst man alles in sich hinein, bis man einen ganz dicken Klumpen im Bauch hat wie wenn man drei Packungen Kaugummi runterschluckt.«
Jetzt nickte Nora zaghaft und ein mildes Lächeln legte sich ihr Gesicht. »Und wenn man den Kaugummi ausspuckt, ist das besser«, sagte sie.
»Ganz genau«, sagte Maike, woraufhin Nora aufstand und zu den Muschelsammlerinnen watschelte.
Jonas sah Maike mit einem warmen Blick an.
»Das hast du schön gesagt.«
»Das mit dem Kaugummiklumpen?«
Er nickte. »Ziemlich literarisch.«

Im Kindle-Shop: Die kleine Inselfinca: Liebesroman
Für Tolino: Buch bei Thalia

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21. September 2016

'Momente des Glücks' von Jane Ross

Das Glück wartet überall, man muss es nur erkennen. Ob ein freundliches Wort, ein Sonnenstrahl an einem trüben Tag oder das lachen eines Kindes- dies sind kurze Augenblicke, die uns Magie verschenken.

Die Autorin Jane Ross läd ein, mit ihr die Momente des Glücks zu erspüren, um Anregungen für sich zu bekommen.

Gleich lesen: Momente des Glücks








Leseprobe:
Spiegel

Angefangen hat alles, als ich wieder von vorne anfing. Ein neuer Lebensabschnitt, neue Freunde, alles neu.

„Ich kenne mich. Die anderen kennen mich auch.“ Es ist gut so, wie es ist. Trotzdem weiß ich immer noch nicht, was Glück ist.

A Die Zeit ist jetzt gekommen. Ich setze mich für ein paar Minuten hin, nehme meinen Notizblock und schreibe. Alles, was mich beschäftigt, wie ich mich fühle. Irgendwie komme ich nicht dazu zu schreiben, warum ich mich so fühle. Irgendwas in mir möchte ein Spiel mit mir spielen. Ob es ein Versteckspiel ist, oder etwas anderes, ist noch nicht klar. Es ist wie in einer Badewanne zu sitzen. Zwischen Schaum und Nebel, zwischen den Düften und Farben. Zwischen heute und morgen. Das Leben bewegt sich. Es ist wichtig dies zu verinnerlichen und zu wissen, wo man steht. Ob in einer Badewanne von Mitleid und Verstecken, oder draußen, angezogen und bereit sein Leben in die Hände zu nehmen.

Als was sehe ich mich im Spiegel, als ein Kätzchen oder einen Elefant?

Eine Person, müde vom Leben, oder eine glückliche Person?

Im Kindle-Shop: Momente des Glücks

Mehr über und von Jane Ross auf dieser Website.



20. September 2016

'Mederia: Aufziehende Dunkelheit' von Sabine Schulter

Die Person, die das eigene Leben am meisten verändern wird, nennen die Dämonen von Mederia Schicksal. Jeder von ihnen besitzt eines und doch wird gerade Gray, dem Kronprinzen der Dämonen, prophezeit, dass sich um sein Schicksal herum sogar die ganze Welt verändern wird.

Die Gedanken an sie werden jedoch aus Grays Gedanken gelöscht, als der Hass zwischen dem Norden und Süden Mederias in einem allesverzehrenden Krieg gipfelt, der sein Volk fast vollständig vernichtet.

Voller Wut und dem Willen, diesen Krieg zu beenden, stürzt sich Gray in den Kampf und rettet eher aus Zufall der jungen Bardin Lana das Leben. Jener Frau, in deren Händen das Schicksal Mederias liegt.

Gleich lesen: Mederia: Band 1: Aufziehende Dunkelheit

Leseprobe:
Die gläserne Brücke erbebte unter einer gewaltigen Explosion und bis auf Gray und die Wächterin wurde alle Anwesenden von den Füßen gerissen.
„Was war das?“, fragte eine der Priesterinnen angstvoll, aber niemand konnte ihr antworten. Gray aber ahnte böses.
„Lana!“, flüsterte er und wirbelte herum.
Er ignorierte den Schmerz in der Brust sowie die Rufe der anderen und sprang aus dem Fenster. Er breitete seine Schwingen aus und fing so einen Aufwind ein, der ihn nach oben trug, ohne dass er groß seine angegriffenen Kräfte in Anspruch nehmen musste. Er ließ sich immer höher in den sturmgepeitschten Himmel tragen, selbst wenn noch weitere Blitze über den Himmel zuckten.
Die Winde nutzend stieg Gray über die Türme des Schlosses und schwebte auf die nahe Stadt zu. Schon von hier konnte er die klaffende Wunde im Antlitz der stolzen Mauer sehen. Brocken waren aus ihr herausgerissen und wie weißer Zucker in die Häuser der Stadt verstreut worden.
Gray stöhnte auf. Nicht wegen der Schmerzen, sondern weil ihm eine Erinnerung kam. Er kannte dieses Bild aus seinen Visionen. Doch selbst wenn er sich gewünscht hätte, dass sie nicht eingetreten wäre, nutzte er sie, um Lana zu finden, die er ohne sie wohl in all dem Chaos und der Zerstörung ewig hätte suchen müssen.
Schreiende Elben stürzten davon, in heller Panik über den Verlust ihrer unzerstörbaren Mauer und Soldaten drängten Befehle brüllend nach vorn, um den Riss und damit den Zugang zur Stadt zu verteidigen. Sein Schicksal saß für ihn viel zu nah am Ort des Geschehens auf dem nassen Pflaster, so wie viele andere ebenfalls, die von der Explosion paralysiert oder verletzt wurden.
Gray zog die Augenbrauen zusammen, als er die Verletzten und Toten sah. Auch wenn der Regen das viele Blut bereits wegschwemmte, war es ein kein schöner Anblick.
Lana kam ihm hingegen nur leicht verletzt vor, als er vor ihr landete. Sie war wohl von der Druckwelle erfasst und zurückgeschleudert worden, denn er erkannte Schürfwunden und kleinere als auch größere Kratzer von herumfliegenden Trümmern, aber keine größere Menge an Blut. Sie bemerkte ihn gar nicht, saß einfach auf dem Pflaster und verbarg das Gesicht in den Händen. Gray wusste bereits, dass sie weinte, noch bevor er vor ihr in die Knie ging und ein Schluchzen zwischen ihren Händen hervordrang. Umsichtig entfaltete er seine Schwingen und bot ihnen beiden Schutz vor dem Regen.
„Lana“, sagte er behutsam.
„Ich konnte es nicht verhindern“, schluchzte sie und nahm die Hände herunter. „Schon wieder nicht.“
Ihre Tränen verbanden sich mit dem Wasser, das aus ihren Haaren und über ihr Gesicht rann. Ihre Augen wirkten rot und sowohl die Haare als auch ihre Kleidung klebten an ihrer Haut. Sie sah aus wie ein einziges Häufchen Elend. Gray verstand sie nur zu gut.
„Vielleicht war es einfach nicht unsere Aufgabe, dies hier zu verhindern. Mehr konnten wir nicht tun“, versuchte er sie zu trösten.
„Aber wenn ich es rechtzeitig zu Gareth geschafft hätte“, begann sie, doch Gray unterbrach sie.
„Dann wäre vielleicht das Gleiche geschehen. Gib nicht dir die Schuld. Ich bezweifle, dass Gareth etwas gegen ein Wesen aus den versiegelten Hallen hätte unternehmen können.“
„Aber…“
„Lana, du hast getan, was du konntest.“
Unsicher ließ sie den Blick über den furchtbaren Anblick schweifen, um dann niedergeschlagen die Schultern hängen zu lassen. „Wozu sind wir dann hierhergekommen?“
Gray legte ihr eine Hand an die Wange, wodurch sie den Kopf hob. Ihre Augen blickten weit aufgerissen zu ihm und er entdeckte darin nicht nur Trauer, sondern auch Angst. „Wir haben Tesha gerettet und verhindert, dass ein Monster den Thron der Elben weiter zum Wanken bringt. Außerdem konnten wir eine Wächterin wecken, die nun auf unserer Seite steht und die Stadt der Elben ist noch nicht gefallen. In Tagen wie diesen ist das eine dankenswerte Anzahl an guten Dingen.“
Lana nickte, wenn auch immer noch betrübt. „Wahrscheinlich hast du recht“, flüsterte sie, so dass der Regen sie fast übertönte. Sie schloss die Augen und neigte sich ihm entgegen, damit sie die Stirn an seine Schulter legen konnte. „Danke, dass du da bist.“
Ihre leisen Worte freuten ihn trotz der furchtbaren Situation und statt ihr zu antworten, legte er ihr beruhigend eine Hand an den Hinterkopf. Eine ganze Weile saßen sie so da und ließen alles für kurze Zeit um sich herum vom Regen wegwaschen.
Lana hatte recht. Irgendwie hatten sie nicht das geschafft, was sie eigentlich erreichen wollten. Auch Gray war unzufrieden, vor allem wenn er den Blick über den Platz schweifen ließ.
Da versteifte sich Lana plötzlich und im selben Moment strichen ihre Finger vorsichtig über seine Brust. Wie Feuer brannte der Schmerz durch seine Adern und er zuckte vor ihren Fingern weg.
„Du bist verletzt!“, rief Lana vorwurfsvoll. „Wieso sagst du das nicht gleich? Stattdessen jammere ich dir die Ohren voll. Komm, wir müssen jemanden finden, der dir hilft.“
„Das kann warten“, meinte Gray, aber sie sprang bereits auf und hielt ihm eine Hand hin. Er ignorierte sie und stand ebenfalls auf. „Lana, hier gibt es andere Leute, die eher Hilfe brauchen als ich.“
„Aber“, begann sie und zupfte leicht an den Resten seines Hemdes, das bereits von Blut getränkt war. Sie sah deutlich die verbrannte und blutige Haut darunter.
Gray fing ihre Finger auf und drückte sie hinab, wohl weil es ihm Schmerzen bereitete, wenn sie ihn berührte. Trotzdem lächelte er sie beruhigend an. „Komm, lass uns Gareth suchen.“
Sie wollte ihn lieber schnell zu einem Heiler bringen, aber Gray blieb stur. „Wir haben schließlich noch eine Stadt zu retten.“
Er fasste ihre Hand und eilte mit ihr im Schlepptau an den Verletzten, den Helfern und Soldaten vorbei weiter auf die zerstörte Mauer zu. Immer mehr Glocken läuteten und zeigten damit, dass ein Angriff kurz bevorstand.
„Die Schatten!“, rief ein Soldat.
Das Wort wurde aufgenommen und immer weitergetragen. Jeder der noch eine Waffe halten konnte, griff sich eine und eilte zur Verteidigung der Stadt. Dadurch füllten sich die Straßen schnell und Lana hatte Mühe mit Gray mitzuhalten, obwohl er der Verletzte von ihnen beiden war.
Als die Verteidiger den weiteren Weg zu versperren begannen, packte Gray sie und sprang kurzerhand auf die Dächer, um dort weiter zu hetzen. Lana erkannte nur an dem kurzen Verengen seiner Augen, welche Schmerzen er leiden musste. Trotzdem rannten sie weiter.
Gigantisch türmte sich die Mauer vor ihnen auf, der Riss in dem weißen Stein wirkte wie eine Wunde und die Elben, die darauf zu eilten, schienen wie Blut, das bereit war, hinauszufließen. Lana wünschte, diesen Vergleich nie gemacht zu haben.
„Sieh!“, rief Gray über den Tumult und das Rauschen des Regens hinweg.
Lana folgte mit dem Blick seinem ausgestreckten Arm, darauf achtend, nicht über eine Unebenheit zu stolpern. Hinter der niedergerissenen Mauer brodelte das Land von lebender Dunkelheit, die mit geifernden Mäulern und rotglühenden Augen auf die Stadt zu schwappte.
„Es sind inzwischen viel zu viele. Die Elben werden sie nicht aufhalten können“, rief Lana. „Sie brauchen göttliche Magie.“
„Kannst du sie ihnen geben?“
„Ich weiß es nicht.“
Gray hielt abrupt an. „Wollen wir es ausprobieren?“
„Und wenn es nicht klappt?“, fragte sie angstvoll.
„Dann hole ich dich dort wieder heraus.“
Lana sah in dem roten Glühen seiner Augen den Willen, andere zu retten, wo er bei seinem eigenen Volk versagt hatte und auch Lana wusste, dass sie es zumindest versuchen wollte. Kurz blickte sie ihn noch an, dann griff sie sein Hand fester. „Versuchen wir es.“
Ohne Verzögerung hob Gray sie von den Füßen und sprang von dem Haus hinaus in den stürmischen Tag. Eine Böe ergriff sie, riss sie davon und brachte sie in Sekundenschnelle direkt an den Durchbruch. Die Elben, die bang aber fest auf die erste Welle der Angreifer warteten, zuckten überrascht zurück, als sie direkt zwischen ihnen landeten.
„Los, Lana“, rief Gray.
„Ja, einen kleinen Moment.“ Verzweifelt suchte sie die Quelle ihrer Macht, aber sie war so aufgeregt und ihr Herz schlug so schnell, dass sie es einfach nicht schaffte. Die Soldaten wollten sie schon zur Seite schieben, aber Gray schirmte sie ab, bot ihr so viel Ruhe, wie es die Situation zuließ. Und doch klappte es nicht. Die Schatten waren fast heran und Lana glaubte bereits, das Tappen der dunklen Pfoten hören zu können.
„Du schaffst das“, beschwor Gray sie.
Mit einem tiefen Atemzug schloss sie die Augen und tauchte tief in sich ein. Im letzten Moment erreichte sie ihr Ziel und ließ unkontrolliert das heraus, was in ihr verborgen lag. Ein Schrei drang aus ihrer Kehle und sie riss die Augen in dem Moment auf, als der erste Schatten die Klauen nach ihr ausstreckte.
Mit einer Handbewegung stieß sie ihn zurück und die Magie brach aus ihr heraus wie ein golden glühendes Schild, das sich auf ganzer Breite und Höhe der Mauer stabilisierte. Wie eine dunkle Flut brachen die Schatten daran und drängten sie allein durch ihre Masse zurück.
Grays starke Gestalt gab ihr Halt, beschützte mit ihr zusammen dieses Bollwerk gegen die Dunkelheit. Aber ihr Kraft schwand so schnell.
Die Schatten verloschen wie Rauch im Wind, aber jeder, der starb, entriss ihr ein wenig Magie und sie wusste nicht, ob sie genug davon haben würde. Sie keuchte und ihre Finger begannen zu zittern.
Da legte sich eine weitere Hand auf ihre Schulter und sogleich ließ der Druck auf sie nach. Neue Energie floss in sie hinein und überrascht wandte sie den Kopf. Neben Gray, der sie stützte, waren alle Elben zurückgetreten und bestaunten das goldene Schild. Doch nun war Gareth zusätzlich an ihrer Seite und nickte ihr unerschütterlich zu. Hinter ihm drängten sich Priester der verschiedenen Gottheiten durch die Verteidiger und durch jeden, der sich ihrem Verbund anschloss, wurde Lana kräftiger. Ihr Schild schwoll an und begann so intensiv zu leuchten, dass bald der Blick nach außen verwehrt blieb.
„Jetzt fehlt nur noch eine Kleinigkeit“, meinte Gareth, legte seine Hand auf Lanas ausgestreckte und machte… irgendwas.
Lana spürte einen Ruck an ihrer Magie und dann wie sie abbrach, weil sie nicht mehr benötigt wurde. Wie ein Stück Phantommauer fügte sich das goldene Schild in die Wunde und verschloss den Weg hinaus oder hinein in die Stadt.
„Meinen Glückwunsch, Lady Eleana, ihr habt mit unserer bescheidenen Hilfe gerade einen äußerst effektiven Segen auf diese Stadt gewirkt“, grinste Gareth und klopfte ihr auf die Schulter.
„Heißt das, sie können uns nichts mehr anhaben?“, fragte sie ein wenig mit der Situation überfordert.
„Vorerst nicht, nein. Die Mauer schützt uns und die Elben wissen ihre Stadt nun zu verteidigen“
Fast gingen seine Worte in dem Jubel der Elben unter, die verstanden hatten, dass sie der Dunkelheit entkommen waren. Wenn vielleicht auch nur für kurze Zeit.
Erschöpft blickt Lana zu Gray. „Wir haben es wirklich geschafft.“
Ihre Stimme erklang rau und so leise, dass sie sich selbst kaum verstand. Trotzdem hatte er sie verstanden und lächelte genauso erschöpft wie sie, aber mit einem stolzen Funkeln in den Augen. „Ja, das haben wir. Und nun beschwere ich mich nicht mehr, wenn du zu einem Arzt möchtest. Sollen andere sich um den Rest kümmern.“
Völlig entkräftet, aber erleichtert lehnte sie sich kurz an ihn, um sich dann einen Weg durch die Verteidiger zu bahnen.

Im Kindle-Shop: Mederia: Band 1: Aufziehende Dunkelheit

Mehr über und von Sabine Schulter auf ihrer Website.



19. September 2016

'Immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel' von Frank Didden

Tobias Renneisen, 35 Jahre alt und ein diplomierter Musterabsolvent des deutschen Bildungssystems, ist kürzlich nach Bremen gezogen, um dort nach längerer Arbeitslosigkeit endlich wieder einem nützlichen Erwerb für seinen Lebensunterhalt nachzugehen. Was als hoffnungsvoller Start in ein sinnvolleres und vor allen Dingen „geregelteres“ Leben beginnen soll, entpuppt sich sehr schnell zu einem Weg in die sinnlose Regelung des besonderen Chaos.

Klabautermann GmbH ist der Name seines neuen Arbeitgebers und unter dem selbstgefälligen und herrschsüchtigen Geschäftsführer F.S. Mester ist dies nicht nur Name, sondern auch Programm mit Weisungsbefugnis. Streng nach dem Motto: „Wenn´s nicht so traurig wär, könnt´ man drüber lachen“ schildert dieser Roman mit einem weinenden, aber bitte schön auch mit einem großen lachenden Auge, was so alles passieren kann, wenn der Klabautermann umgeht. Was so alles passieren kann, wenn innerbetriebliche, prozess-übergreifende Umstrukturierungsvorhaben und Gewinn-maximierungsmaßnahmen ihren allzu realistischen Schabernack treiben. Was so alles passieren kann, wenn irgendwann, und steht die Flut noch so hoch, keine Handbreit Wasser unterm Kiel zu finden ist.

Gleich lesen:
Für Kindle: Immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel: Die Klabautermann Ge-ähm-be-Ha
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
Bremen sollte also nun das Ziel meiner weiteren Bemühungen sein, die bekanntlich im Falle eines Umzugs auf einen zukommen. Die relativ kurz gestaltete Wohnungssuche im Rahmen eines Kurzaufenthaltes in meiner neuen Heimat, brachte eine schnuckelige, kleine Wohnung hervor, direkt in einem angesagten Bremer Stadtteil nahe dem Stadion des genannten Fussballvereins. Teilweise eingerichtet, bot sie für mich die ideale Option auf möglichst schnellem Wege mit verhältnismäßig geringen Kosten den erforderlichen Stadtwechsel vorzunehmen.
Die Planung für den Umzug nahm daher auch sehr schnell Gestalt an. Meine nicht übermäßige Habe sollte auf, einem kleinen handelsüblichen Transporter geladen, von meinem Bruder in die Hansestadt gefahren werden, während ich selbst mit meinem eigenen Auto vorneweg fahren würde. Soweit war die Planung hieb- und stichfest. Pflichtbewusst kam mein Bruder dann auch am Vorabend des Umzugs, also am Freitag den 31. August, mit besagtem Transporter zu mir und wir luden meine Habseligkeiten ein. Mit gazellengleicher Agilität war dies auch in strammen drei Stunden erledigt. Der Transporter war beladen. Alles war gepackt. Alles, bis auf mein Fahrrad. Natürlich. Ein Teil hat man bekanntlich ja immer. Das letzte Teil wollte einfach nicht passen. Sowie das letzte Bier am darauffolgenden Tag grundsätzlich das Bier war, was schlecht war, stellte sich das Fahrrad als das Teil heraus, was allem Anschein nach nicht mit nach Bremen wollte. Überflüssig zu erwähnen, dass mein Bruder und ich die Angelegenheit wie echte Männer angingen. Bier auf, halben Transporter entladen, Fahrrad rein und den Rest wieder beladen. Drei Stunden später, war der Transporter voll und fertig für die Abreise.
Da es zu diesem Zeitpunkt bereits gegen 22 Uhr abends geschlagen hatte, sollten wir uns standesgemäß mit einem weiteren Bier zum Feierabend belohnen. Wahrscheinlich hätte das auch gut funktioniert, wenn nicht meine liebe Schwester noch angerufen hätte. Am Telefon gestaltete sich dieses Gespräch vergleichsweise kurz und verlief in etwa so:
„Hallo!“
„Und, alles für den Umzug gepackt?“
„Ja, gerade fertig geworden.“
„Okay. Sag mal, du weißt ja, dass morgen Werder spielt?“
„Öhm, nein. Wieso?“
„Naja, also wenn Werder spielt, dann ...“
Der weitere Verlauf des Gesprächs hatte dann ziemlich viel mit Verblüffung und Fassungslosigkeit, aber auch mit schierer Panik zu tun. Die knapp gehaltene Information meiner Schwester, dass die in Bremen zuständigen, örtlichen Behörden bei Heimspielen des Fußballvereins den Bereich um das Stadion sowie das Viertel meines zukünftigen Wohnortes für jeglichen Autoverkehr abriegeln, kam unerwartet. Ja, kam spät. Woher sollte ich das wissen! Selbst wenn ich gewusst hätte, dass der Verein an diesem Wochenende spielt, hätte ich im schlimmsten Fall mit erhöhtem Verkehrsaufkommen gerechnet. Dass der Verkehr seitens der Polizei an solchen Tagen aber gänzlich beseitigt wird, war eine Tragweite, auf die ich nicht vorbereitet war. Zwar gab mir meine Schwester auch zu verstehen, dass die besagte Sperrung ja auch wieder aufgehoben würde, aber bei einer genaueren zeitlichen Erfassung konnte sie mir leider nicht helfen. Da musste dann schon die zuständige Polizei selbst zu Informationszwecken herhalten.
Nachdem ich über Umwege eine Telefonnummer herausbekommen hatte, schließlich genossen alle meine internetfähigen Geräte mittlerweile ihren wohlverdienten Feierabend auf der Ladefläche eines Transporters, war es mir möglich, eine aussagekräftige Bremer Dienststelle anzurufen. Es wäre unnötig jegliche Details des Gesprächs zu wiederholen. Der Kern des Telefonats war dieser:
„Die Sperrung wird noch vor Ende des Spiels aufgehoben.“
„Und wieviel Uhr ist das?“
„Na, vor dem Ende halt.“
„So gegen vier?“
„Später.“
„So gegen fünf?“
„Später.“
„Aber, die spielen doch nur bis Viertel nach fünf!“
„Dann doch früher!“
Damit war der zeitliche Rahmen schon ziemlich genau eingegrenzt, weswegen ich im Anschluss versuchte, mir noch exaktere Informationen zu besorgen.
„Okay. Gibts noch eine andere Möglichkeit in das Viertel zu kommen?“
„Es gibt Bescheinigungen für Anwohner.“
„So eine habe ich noch nicht.“
„Dann gibts keine andere Möglichkeit.“
„Aber ich bin doch Anwohner!“
„Sie können auch Ihren Personalausweis zeigen. Da steht ja auch Ihre Adresse. Mit etwas Glück lassen die Kollegen Sie dann ausnahmsweise doch durch.“
„Aber ich ziehe morgen doch erst um. Ich kann mich erst am Montag ummelden, wenn ich in Bremen bin.“
„Ach so. Na, dann gibts keine andere Möglichkeit.“
„Aber der Umzug ist seit längerem geplant.“
„Die Bundesliga hat früher geplant.“
Die Polizei, dein Freund und Helfer, hatte gesprochen. Alle Probleme waren weiterhin ungelöst. Natürlich konnte ich auch nicht wirklich erwarten, dass die Bundesliga Rücksicht auf meine Umzugspläne nahm. Andererseits war die Planung der Bundesliga meinem zukünftigen Chef gleichfalls vollkommen egal. Was sollte es ihn scheren, dass meine Umzugsorganisation ins Wanken geraten war? Es konnte ihm schließlich gleich sein und das zurecht. Es konnte sein, wie es wollte, am kommenden Tag musste umgezogen werden.

Im Kindle-Shop: Immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel: Die Klabautermann Ge-ähm-be-Ha
Für Tolino: Buch bei Thalia

18. September 2016

'Sushi & Weißbier' von Veronika Lackerbauer

Wieder geht es auf kulinarische Reise in die bayerische Provinz. In drei Gängen serviert "Sushi & Weißbier" erneut Spannung, Überraschung, Witz und eine Prise deftige Heimatliebe.

Im zweiten Teil der Reihe "Kriminalgeschichten aus der bayerischen Provinz" gibt es ein Wiedersehen mit alten Bekannten aus "Hugo & Leberkäs", aber auch viel Neues zu entdecken. Die Mischung macht's: exotisch wie Sushi & traditionsbewusst wie Weißbier!

Gleich lesen:
Für Kindle: Sushi & Weißbier: Kriminalgeschichten aus der bayerischen Provinz - Band 2
Für Tolino: Buch bei Thalia




Leseprobe:
„Magst du noch ebs von der Guacamole?“, fragte Veitls Frau, statt auf seine Ausführungen einzugehen, und hielt ihm das Schälchen mit der bräunlich-grünen Paste hin.
Veitl verzog das Gesicht, fuhr dann aber doch mit der Messerspitze in die Glasschale und strich sich die Guacamole auf sein Vollkornbrot.
„Was is'n des eigentlich, a Gurkenmole?“, fragte er, obwohl er nicht sicher war, ob er die Antwort hören wollte. Die kulinarischen Experimente seiner Frau waren ihm ebenso suspekt wie Kollege Sonnbichler.
„Eine Gu-a-ca-mole ist eine spanische Spezialität. Des Rezept hat ma d'Berndorfer Resi gegebn, des hat die direkt aus Spanien! Der ihra Tochter is doch in Barcelona verheirat“, erklärte Margarete nicht ohne Stolz.
„Aus Spanien. Aha. Also so a spanischer Schinken oder sowas, des wär mir halt lieber ...“
Veitl traf ein strafender Blick.
Schnell beeilte er sich, von seinem Brot abzubeißen. Unter heftigem Kauen erklärte er: „Naa, aber schmeckt ja a gut. Doch ehrlich, Gretel. I hab's ja immer ned so mit deinen Öko-Sachen da. Aber des Gurkenzeug is ganz okay.“
„Da is aber keine Gurke drin, sondern Avocado“, konterte Margarete.
Das Telefon unterbrach die eheliche Kabbelei.
„Wer is'n jetzt des wieder? I hob heid frei!“, knurrte Veitl mit vollem Mund. „Glaubst, des hab i vielleicht dick, wenn ma ned amoi am Wochenende sei Ruha hod!? Und dann a no beim Essen, glaubst'as.“
Margarete erhob sich, um den Anruf entgegenzunehmen. „Des kann der ja nicht wissen, dass wir grad essen. Außerdem, wenn's nach dem gehn würdt, dann kannt bei uns nie jemand anrufn, weil du bist ja allerweil am Essen!“
„Veitl?“, meldete sie sich am Apparat. „Ja, an Moment bitte, wir essen grad. Ich hol ihn.“
Veitl beeilte sich runterzuschlucken und sah seine Frau triumphierend an, die ihm das schnurlose Telefon hinhielt und ihm scherzhaft die Zunge rausstreckte.
„Polizeiinspektion eins, Schöninger“, meldete sich Veitl, immer noch feixend.
„Sei du froh, dass'd bei uns heraußen bist und ned in München drin. I weiß scho, i stör scho wieder beim Essen, gell, Flori? Tut mir leid, aber ich brauch dich ganz dringend.“
Es war Veitls Vorgesetzter Hierl.
„Was is'n scho wieder? Passt was mit dem Protokoll ned?“, fragte Veitl hörbar genervt.
„Nein, nein, des passt scho. Es is wegen der Sache vom Sonnbichler ...“
Veitls Faust knallte auf die Tischplatte, sodass sein Teller einen klappernden Sprung machte. Margarete zuckte erschrocken zusammen.
„Kreizkruzefix noch amal. Kann der Depp ned einmal was allein machen? Was is denn jetz scho wieder mit dem?“
„Des musst du dir bitte selber anschauen. Und beruhig dich, wenn du des siehst, wirst versteh, wieso i den da ned allein damit lassen will. Bitte, Flori ...“
Veitl knurrte etwas Unverständliches, dann ließ er sich die Daten durchgeben.
Im Aufstehen sagte er zu seiner Frau: „I muss noch mal weg. I kann dir gar ned sagen, wie mir des stinkt. Jetzt hab i scho wieder de Arbeit vom Sonnbichler am Hals. Als ob i sonst nix zum tun hätt. Aber des eine sag i dir, wenn de nächste Beurteilung ansteht, dann werden de Herrschaften mi endlich berücksichtigen, sonst können's mich amal kennenlernen!“
Margarete stand ebenfalls vom Tisch auf und beeilte sich, ihrem Mann seine Brotzeit einzupacken. Man wusste ja bei diesen Einsätzen nie, wie lang sie gehen würden. Und weil er sich gar so aufregte und ärgerte, packte sie ihm noch eine Scheibe von dem Geräucherten ein, das er so mochte.

Veitl traf am Seeufer ein, wo bereits ein Schlauchboot der Wasserwacht startklar gemacht wurde. Zwei Berufstaucher in Neopren standen im seichten Wasser.
Am Ufer warteten ein Kollege der Spurensicherung, der Gerichtsmediziner Mohsani und der unvermeidbare Sonnbichler. Veitl gesellte sich zu den Kollegen.
„Und? Was hamma jetzt da?“, fragte er, ohne jemanden direkt anzusprechen.
„Wie's ausschaut hamma a Leich“, erklärte Mohsani sachlich.

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Für Tolino: Buch bei Thalia

Mehr über und von Veronika Lackerbauer auf ihrer Website.



16. September 2016

'Wald der Wunder' von J. Vellguth

Schwarzwald, die Quelle von zauberhaften Sagen und uralten Märchen. Für Lea ist er nur ein mückenverseuchtes Dickicht, das es zu durchdringen gilt, als sie für ihren Chef dessen Blockhütte auf Vordermann bringen soll.

Nie hätte sie für möglich gehalten, was inmitten von moosigem Unterholz, geheimnisvollen Nebeln und gigantischen Baumriesen auf sie wartet. Zwischen dichten Wäldern und malerischen Dörfern treffen zwei Welten aufeinander und Lea muss sich entscheiden.

Ein romantisch-moderner Fantasy Liebesroman über mystische Zauberwesen und die Wunder der Natur.

Gleich lesen: Wald der Wunder: Fantasy Romance



Leseprobe:
Ihre Turnschuhe sanken immer wieder in den feuchten Waldboden ein und es war nur eine Frage der Zeit, bis sie nasse Socken bekommen würde.
Aber Lea stapfte trotzdem zwischen Tannen, Laubbäumen, Farnen und Gestrüpp den Berg hinauf und konzentrierte sich auf ihr Ziel. Eine fast freie Woche, mit ein bisschen Putzen für den Chef und hoffentlich genug Zeit, um ihre Selbständigkeit weiter auszubauen.
Wenn die erst einmal lief, war sie ihr eigener Chef. Dann könnte sie sich ihre Zeit selber einteilen und wäre endlich auf niemanden mehr angewiesen.
Wie lange sie sich schon wünschte, ihr Grafik-Design-Studio in Vollzeit betreiben zu können.
Studio, sie lachte in sich hinein. Aber hey, immerhin brauchte sie nicht mehr als ihren Laptop und das Internet, um zu arbeiten. Da durfte sie ihren Küchentisch wohl mit Fug und Recht auch als ihr Studio bezeichnen, oder?
Noch war es allerdings ein weiter Weg, nicht nur bis zur Vollzeit-Selbständigkeit, sondern auch zur Hütte.
Ein Blick auf das ausgetrocknete Flussbett sagte ihr, dass sie wenigstens noch in die richtige Richtung ging. Herr Walter hatte gesagt, sie könne die Hütte so überhaupt nicht verfehlen.
Allerdings war Flussbett schon eine ziemliche Übertreibung. Mit viel gutem Willen war die halb zugewachsene Mulde irgendwann mal ein Bächlein gewesen.
Hart schlug sie sich auf ihren bloßen Oberarm. Das Klatschen hallte zwischen den Bäumen hindurch, irgendwo schrie ein Vogel. Leas Haut brannte, aber sie hatte die blöde Mücke natürlich nicht erwischt.
Sie seufzte. Es gab schon einen Grund, weshalb sie mit Natur nicht viel anzufangen wusste. Sie hätte süßes Blut, pflegte ihre Großmutter zu sagen. Etliche Campingurlaube mit ihrem Vater hatten das immer wieder aufs Neue bestätigt.
Natur? Nein, das war einfach nichts für sie.
Überall grün, grün und nochmal grün. Wieder sank ihr Fuß tief in den moosigen Boden ein.
Ihr Chef hatte sie vorgewarnt, dass sie das letzte Stück zu Fuß gehen musste. Aber wie hätte sie ahnen sollen, dass er damit meinte, sie müsse sich mitten durchs Unterholz schlagen?
Sie hatte mit einem schmalen Weg gerechnet, im schlimmsten Fall aus Schotter. Aber das hier?
Schwarzwald.
Wer bitte schön machte freiwillig Urlaub im Schwarzwald?
Oh, ich hab eine nette kleine Hütte in der Nähe von Todtnau. Meine Frau will unbedingt unseren nächsten Urlaub dort verbringen. Wenn Sie das Häuschen für mich auf Vordermann bringen, rechne ich Ihnen das hoch an.
Ihre Mutter sagte immer, Lea wäre zu nett, sie müsste auch mal lernen nein zu sagen. Lea fiel es genauso schwer Hilfe auszuschlagen, wie sie anzunehmen.
Aber in diesem Fall war das ganz bestimmt anders. Natürlich wollte sie ihrem Chef auch helfen, aber die Aussicht auf bezahlte Überstunden und vor allem auf eine ruhige Zeit ohne Ablenkung hatten den Ausschlag gegeben.
Sie marschierte weiter und hoffte, dass sich der ganze Aufwand am Ende lohnen würde. Denn so, wie es im Augenblick aussah, hätte sie vielleicht doch besser einfach die Klappe gehalten.
Sie blieb kurz stehen, zog ihr Handy aus der Hose und prüfte das Telefonnetz. Ein einziger Balken schimmerte auf dem Display. Das versprach nicht gerade eine vernünftige Internetverbindung. Was ihre Arbeit so gut wie unmöglich machen würde.
Da trudelte auch schon eine SMS von ihrem neuesten Kunden ein, um ihr mitzuteilen, dass er seine Entwürfe am liebsten gestern schon gehabt hätte. Lea seufzte. Vielleicht hatte das schlechte Netz ja auch seine Vorteile, denn bisher hatte sie nicht die geringste Idee für diesen Auftrag gehabt.
Wie auch immer, sie würde das Beste daraus machen.
Der eine Balken verschwand von ihrem Display. Lea hielt das Handy in die Luft, da tauchte er wieder auf.
Sie teilte dem Kunden schnell mit, dass sie sich melden würde, sobald sie eine bessere Verbindung habe und tippte dann noch schnell eine Nachricht für Bibi.
Bin fast da. Reinste Pampa. Kaum Netz. Melde mich, wenn es geht. Küsschen. Dein Schnuffel.
Lea grinste vor sich hin. Schnuffel war das Codewort. Wenn es ihr gut ging, unterschrieb sie mit Schnuffel. Sollte sie aber mit Lea unterschreiben, dann würde ihre Schwester umgehend auf der Türschwelle auftauchen. So war zumindest der Plan.
Ihre Schwester hatte manchmal die verrücktesten Einfälle. Im Moment war sie zum Beispiel felsenfest davon überzeugt, dass Lea im Wald von Bruno dem Axtmörder entführt werden würde. So ein völlig bescheuerter Gedanke. Der Wald war gähnend leer und still.
Eigentlich hatte Lea mit der Nachricht bis zu ihrer Ankunft warten wollen, befürchtete aber einen totalen Netzausfall. Also blickte sie sich Bibi zuliebe noch einmal gründlich um. Baumstamm neben Baumstamm und hüfthohes Unkraut neben Unkraut. Ein richtiger Urwald. Später würde sie sich nach Zecken absuchen müssen.
Aber eins nach dem anderen. Mit einem Seufzen drückte sie auf Senden. Der Balken war schon wieder verschwunden. Sie hielt das Handy hoch über ihren Kopf und setzte sich mit ausgestrecktem Arm wieder in Bewegung.
Da, endlich, die Bestätigung blinkte auf, die SMS war versandt. Lea schob sich eine braune Strähne aus der Stirn, steckte das Handy in die Hosentasche und stieg über eine Wurzel. Dabei kam sie zu dicht an den Nachbarbaum, ihr Rucksack verfing sich an einem Ast und machte ein unschönes, reißendes Geräusch. Sie setzte ihn ab und erkannte, dass der Träger unten halb ausgerissen war.
Es wurde einfach immer besser.
Irgendwo im Unterholz knackte ein Ast und Lea sprang fast das Herz aus der Brust. Sie lauschte angestrengt und wünschte sich für einen panischen Augenblick, dass sie die SMS an Bibi doch erst in der Hütte abgeschickt hätte.
Dafür war es jetzt allerdings zu spät. Sie fingerte das Telefon wieder heraus, während sie versuchte, so leise wie möglich weiterzugehen. Das war natürlich nur ein Tier. Ganz bestimmt. Ein verdammt großes Tier.
Das war alles.
Noch ein Knacken.
»Hallo?«, rief sie und bereute es sofort wieder. Aber wenn es ein Axtmörder war, dann würde er sie bei ihrem Geräuschpegel sowieso finden. Und ein Tier würde von dem Schrei hoffentlich verscheucht werden, oder?
Ob es hier Wölfe gab? Oder Bären?
Ein Knacken, ein reißendes Krachen und dann ein dumpfer Fall. Ein Ast! Die Erleichterung rauschte durch ihre Adern wie frisches Eiswasser. Gott sei Dank, kein Axtmörder und auch kein Bär. Aber trotzdem ließen sie die Gedanken an wilde Tiere nicht mehr los.
Sie hatte irgendwo gelesen, dass man viel Krach machen sollte, um Raubtiere auf Abstand zu halten.
Also suchte sie in ihrem Handy nach Musik und steckte es halb in ihren Rucksack. Schandmaul schepperte in voller Lautstärke durch die Bäume.
Fresst das, ihr finsteren Bären – falls es euch überhaupt gibt.
Schwer atmend ging sie weiter den Berg hinauf. Ihre Kondition hatte sich komplett verabschiedet, seit sie in dem Architekturbüro arbeitete. Wenn sie wieder zu Hause war, musste sie unbedingt ihre Joggingschuhe wieder rauskramen.
Während sie über einen moosigen Baumstamm stieg, der Ähnlichkeit mit einem kleinen Elefanten hatte, freute sie sich schon wieder auf den Abstieg. Wenn’s vorher noch wie angekündigt ordentlich regnete, legte sie auf dem Rückweg eine wunderschöne Rutschpartie hin.
Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was die Frau vom Chef hier wollte, mit ihren Stöckelschuhen und ihren weißen Designerkostümen. Lea kam sich mit Jeans und Turnschuhen schon falsch angezogen vor, aber die Frau vom Chef …
Egal, das ging sie nichts an.
Sie konzentrierte sich wieder auf die bezahlten Überstunden, auf die Zeit für ihre Selbstständigkeit. Und wenn sie erst mal ihre kreative Flaute überstanden hatte, würde es auch da wieder aufwärtsgehen, das konnte sie spüren.
Aufwärts. Hah! Scherzkeks.
Auf jeden Fall würde sie Bibi für den Kundenkontakt einstellen, sobald sie es sich leisten konnte, dann wären sie ein echtes Familienunternehmen und sie konnte sich ganz auf den kreativen Teil konzentrieren. Zu schön, um wahr zu sein.
Trotzdem hielt sie sich an diesem Gedanken fest, während sie weiter zu den Tönen von Schandmaul den Hang hinaufstieg.

Im Kindle-Shop: Wald der Wunder: Fantasy Romance

Mehr über und von J. Vellguth auf ihrer Website.



2. September 2016

'DIE SCHWARZE LEGION - Der Löwe des Atlas' von Jan Nehr

Algerien 1919. Alle Versuche der französischen Kolonialmacht, Waffenlieferungen für den Aufstand
 der Rifkabylen durch die Sahara zu unterbinden, scheitern an den Fähigkeiten der 
Waffenschmuggler. Den Tuareg.

Der junge (deutsche) Bergarbeiter Franz folgt seinem Bruder in die französische Fremdenlegion, in die dieser nach einer politischen Dummheit geflüchtet war. Obwohl die Familie lange kein Lebenszeichen erhalten hat, hofft er immer noch, ihn lebend zu finden. Nach einiger Zeit trifft er auf Rainer, einen Ex-Soldaten mit Geheimdienstausbildung. Die beiden Männer schließen Freundschaft und nach ersten Abenteuern bilden sie eine verschworene Gemeinschaft, um ihre Überlebenschancen zu erhöhen. Als der Chef des französischen Geheimdienstes, General Caneval, auf sie aufmerksam wird, wirbt er sie an, um herauszufinden, wer die Rifkabylen mit Waffen versorgt.

Der sorgfältig recherchierte Hintergrund der wenig bekannten Ereignisse im Nordafrika Anfang des 20. Jahrhunderts, in denen Hunderttausende ihr Leben einbüßten, ist die Vorgeschichte von Ereignissen, die bis heute in den Konflikten zwischen Islam geprägten Kulturen und westlichen Ländern ihre Auswirkungen haben.

Das eBook ist für kurze Zeit zum Einführungspreis von 0,99 Euro erhältlich. Die Printversion erscheint im September.

Gleich lesen: DIE SCHWARZE LEGION - Der Löwe des Atlas

Leseprobe:
„Warum bin ich nur wieder auf dich herein gefallen!“ Franz war gereizt und Arisha ließ schuldbewusst den Kopf hängen. Deshalb sah er ihr breites Grinsen nicht.
Seit zwei Tagen waren sie beide als Vorhut vorausgeritten und hatten in der flachen Sandwüste bisher nicht den kleinsten Hinweis auf den Gegner gesehen. In der größten Mittagshitze, während sie im spärlichen Schatten einer mit Stöcken aufgespannten Plane dösten, hatte sich Arisha an ihn geschmiegt und liebkost. Danach hatten sie sich geliebt, wobei sie auf ihm saß und hin und wieder einen Blick in die Runde warf. Franz hatte den Verdacht, dass sie ihm die näher kommende Staubwolke erst meldete, als sie ihren Höhepunkt erreicht hatte. Als er sich aufrichtete, waren bereits dunkle Silhouetten am Horizont zu erkennen und es war zu spät, um sich aus der sicheren Deckung zu erheben und davonzumachen, um ihren Haupttrupp zu warnen.
„Was befiehlt mein Gebieter?“, flötete sie zufrieden.
„Eingraben!“, befahl er finster.
„So Gott will.“, sagte sie ergeben.
In der Sandwüste war das Eingraben immer unangenehm, wegen der Sandflöhe, weniger wegen der Schlangen. Es war beinahe so selten wie der Hauptgewinn in einer Lotterie, wenn man im Sand eine Schlange fand. Aber die Flöhe reichten, sie konnten unerträglich werden, und sie fanden sicher ihre Opfer. Hastig warfen sie Zeltplanen über die liegenden, gut dressierten Hedschins und schoben Sand und Steine darüber. Dann gruben sie sich daneben ein, in der Hoffnung, der Trupp würde nicht direkt über diese Sanddüne kommen und in sie hineinreiten. Unter dem Sand wehrte er Arishas Hand ab, die den Versuch unternahm, etwas gutzumachen.
„Bist du verrückt, meinst du, ich will mir dort Flöhe holen? Ich würde mir lieber überlegen, wie wir jetzt unsere Leute warnen können.“
„Wir werden sie angreifen, wenn sie vorüber sind. Wenn sie uns verfolgen, reiten wir nach Osten. Haben wir Glück, werden sie nur einen kleinen Trupp für zwei Angreifer abstellen. Unsere Leute werden die Schüsse hören und in Deckung gehen. Haben wir den Verfolgertrupp erledigt, reiten wir wieder nach Süden zu unseren Leuten.“
„Ja, was sonst“, knurrte Franz, überprüfte seinen Karabiner und spannte ebenso wie Arisha die lockere Sehne auf den Sarazenenbogen, den er vom Sattel des Hedschins genommen hatte und zog sie versuchsweise bis hinters Ohr. Die Pfeile steckte er vor sich in die Sanddüne. Die Vorstellung, seine ehemaligen Kameraden angreifen zu müssen, hatte ihn seit ihrer Abreise in eine dementsprechend schlechte Laune versetzt. Jetzt unmittelbar vor dem Wiedersehen und der Auseinandersetzung mit Männern, mit denen er geritten war und die ihm damals vertrauten, fühlte er sich wie ein Verräter. Verstohlen sah ihn Arisha von der Seite an. Sein Mund war ein einziger Strich und sein Gesicht wirkte versteinert. Sie fühlte mehr seinen inneren Konflikt, als dass sie ihn verstand.
Es war ein imposanter Trupp. Sie ritten in der Formation, in der Franz mit den Söldnern und Kabylen viele Male in der Wüste unterwegs gewesen war. Voraus Kabylen, in der Mitte Söldner und als Nachhut wieder Kabylen. An der Spitze ritt ein Reiter auf einem schwarzen Berberhengst, ein Rifkabyle, den Franz nicht kannte. Aber der Reiter neben ihm war eindeutig der Adjutant des Oberst, der deutsche Rittmeister! Er war gut an seinem lächerlichen Tropenhelm zu erkennen. Die Reiterreihe, immer zwei nebeneinander, ritten nur wenige Meter entlang der hohen Sanddüne, hinter der Franz und Arisha lauerten. Franz zählte über fünfzig Mann, alle zu Pferde. Er drehte den Kopf zu Arisha. Als er in ihr konzentriertes Gesicht blickte, nickte er ihr kurz zu, während er sorgfältig einen Pfeil in die Sehne des Bogens legte. „Du rechts, ich links!“, flüsterte er leise. Kräftig spannte sie die Sehne und visierte am Pfeil entlang ins Ziel.
Lautlos fielen die beiden letzten Reiter mit Pfeilen im Rücken von ihren Pferden. Die Reiter vor den Gefallenen lagen noch gut in der Reichweite der Bögen und fielen kurz darauf dem zweiten Schuss zum Opfer. Sie stürzten ebenfalls unbemerkt in den Sand. Dann verfehlte Franz seinen Reiter, während Arisha den ihren traf. Der Verfehlte war jedoch in der Hitze eingeschlafen, bemerkte den Sturz seines Nebenmannes nicht und ritt weiter. Franz’ zweiter Pfeil traf nun und Arisha wartete, bis Franz neu aufgelegte. Nun war die Entfernung bereits beträchtlich. Beide mussten einen Bogenschuss wagen. Wie in einem Wettbewerb grinsten sie sich an und die Sehnen schnellten zurück. Franz durchbohrte den Hals seines Ziels, ein Glückstreffer. Arisha traf ebenfalls – aber leider nur das Pferd, das in wilden Sätzen nach vorne ausbrach und den Reiter dabei abwarf. Es stiftete jedoch so viel Unordnung in der Reihe, dass nun die Kugeln der Magazingewehre der beiden Angreifer noch weitere Opfer fanden. Arisha zog die Plane von ihrem Hedschin und sprang in den Sattel. Nach einem schrillen „Hatat!“ erhob sich das Tier mit der Reiterin und Arisha galoppierte, ohne sich umzudrehen, nach Osten. Franz lag hinter seinem Tier und feuerte methodisch Kugel um Kugel in das panische Durcheinander der Reiter. Erst als seine Schüsse erwidert wurden und die ersten Projektile vor ihm den Sand aufspritzen ließ, warf er eine Handgranate ziemlich kurz in eine nahe Sanddüne. Im Schutz der Staubschwaden zog er sein Tier nach oben und galoppierte hinter Arisha her.
Als sich Franz das erste Mal umdrehte, sah er keine Verfolger. Er gab Arisha ein Zeichen und sie verringerten das hohe Tempo ihrer Kamele. Die Verwirrung beim Gegner musste schon enorm gewesen sein, wahrscheinlich hatte der Staub auch verborgen, dass es sich um nur zwei Angreifer handelte. Die gewaltige Anzahl der Toten ließ den Gegner viel mehr Angreifern vermuten, als es tatsächlich waren. An den Spuren würden die Rifkabylen jedoch schnell erkennen, wie wenige sie tatsächlich überfallen hatten. Die beiden trabten dicht nebeneinander, geschickt das Gelände ausnutzend, dessen Sanddünen immer höher wurden, dass aber für Kamele gut begehbar war. Franz behielt die Sonne im Auge und nach einer halben Stunde lenkte er sein Tier in ein schmales Sanddünental, das sich weit nach Süden erstreckte. Gedeckt durch die hohen Sanddünen hielt er nach einiger Zeit an und sprang vom stehenden Tier ab. Schnell kletterte er die Erhebung empor und sah durchs Fernglas. Eine Staubwolke jagte hinter ihren Spuren her. Franz zählte fünf Reiter. Mit ihren schnelleren Kamelen war es Franz und Arisha gelungen, einen guten Vorsprung zu gewinnen. Er rannte zu seinem Tier zurück und rief Arisha die Anzahl der Verfolger zu. Seine Stimmung hatte sich schlagartig gebessert und er stieg wieder auf. Eng ritt er neben Arisha und rief ihr seinen Plan zu.
Die Reiter, die der Spur folgten, waren Rifkabylen. Im festen Sand war die Verfolgung von Reitkamelen kein Problem für ihre wüstenerfahrenen Araberpferde. Die Spuren lagen deutlich vor ihnen. Unglaublich, wie zwei Reiter so schnell so viele Männer aus dem Hinterhalt ermorden konnten! Wer waren sie? Wüstenräuber, hatte der deutsche Offizier gemeint. In Überzahl würden sie kurzen Prozess mit den beiden machen. Ihre Pferde waren ausgeruht und legten ein hohes Tempo vor. Sie ritten in einer weit auseinander gezogenen Linie, um im Falle eines weiteren Hinterhaltes einen oder höchstens zwei Mann zu gefährden. Als die Spuren in das schmale Dünental führten, mussten sie jedoch ihre Formation aufgeben und bald sogar hintereinander reiten. Der Boden wurde weicher unter den Hufen der Pferde und ihr Anführer verlangsamte das Tempo. Nervös sah er zu den Dünenkämmen hinauf. Nun sah er am Ende der Spuren, weit am Horizont die Staubwolken der flüchtenden Reiter. Der Anführer der Kabylen deutete darauf und trieb sein Pferd an. Dabei übersah er eine kleine Sandwolke, nur wenige Meter seitlich von seiner Position. Er spürte einen Schlag auf der Stirn, der ihn aus dem Sattel warf. Den Schuss hörte er bereits nicht mehr. Der zweite Reiter warf sich in den Sand, als sein Pferd getroffen zusammenbrach, während das dahinter trabende Tier vor dem Hindernis hochstieg und der Reiter alle Mühe hatte, im Sattel zu bleiben. Zwei weitere dicht aufeinander folgende Schüsse töteten den nächsten Mann und verletzten das letzte Pferd. Schon war Franz heran und erschlug mit der Axt den Beduinen, der aus dem Sattel gesprungen war und gerade versuchte, seinen Karabiner in Anschlag zu bringen. Die hinteren Reiter hatten den Hindernissen ausweichen können, waren aber durch ihr Tempo an dem Hinterhalt vorbei getragen worden. Nun zügelten sie ihre Pferde und versuchten die Tiere zu wenden. Noch im Reiten legten sie ihre Gewehre auf den so plötzlich aus dem Sand erschienenen Angreifer an. Die Gestalt in der sandgelben “galabija“ warf sich hinter das gestürzte tote Pferd und die Kugeln schlugen harmlos in den Kadaver. Die Reiter erschraken, als plötzlich Schüsse hinter ihren Rücken fielen. Ein Mann wurde von einer Kugel in den Hinterkopf getroffen, und als sich der andere Reiter zu dem neuen Angreifer umdrehte, traf ihn Franz’s Kugel von hinten in die Schulter und warf ihn aus dem Sattel. Arisha war nach dem ersten Schuss, den sie hörte, in vollem Galopp, das zweite Hedschin im Schlepptau, zurück geritten und wich nun hoch in den Kamm der Sanddüne aus, um nicht in das Chaos der scheuenden Pferde zu reiten.
Der verletzte Kabyle legte sein Gewehr auf sie an, da erhob sich schon Franz hinter ihm und schlug ihn mit dem Gewehrkolben bewusstlos.
„Kein Mensch bewegt sich so schnell wie du. Wie ein Geist. Und wie ich sehe, hast du Gesellschaft bekommen. Ich hätte es wissen müssen. Zwei Mann greifen einen ganzen Zug an. Wie konnten wir nur so dumm sein!“ Der Kabyle stöhnte und hielt sich die blutende Schulter. Er war einer der Unteroffiziere der Kabylen und er hatte Franz erkannt. Viele Male war er neben ihm geritten und in einem Streit mit einem Söldner hielt Franz einst zu ihm und verprügelte damals den belgischen Söldner fürchterlich.
Franz starrte ausdruckslos auf ihn hinab.
Der Kabyle hob den unverletzten Arm: „Bist du jetzt auf der anderen Seite? Hast du uns verraten? Nein, das kann ich nicht glauben!“
„Ich bin kein Verräter. Ich war schon zuvor Soldat der Légion étrangère, bevor ich zu euch kam.“
„Also ein Spion!“, er spuckte aus.
„Ja, wenn du so willst. Ein Spion.“

Im Kindle-Shop: DIE SCHWARZE LEGION - Der Löwe des Atlas

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